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Full text of "Verbrüderung [microform] : ein Hochgesang unter dem Regenbogen in fünf Stationen"

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HAMBURG — BERLIN 

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which it was withdrawn on or before the 
Lotest Date stamped below. 

Theft, mutilation, and undeiiining of beeks ar* reasei 
for disciplinary actien and may result in dismissal fri 
the University. 
To renew call Telephone Center, 333-8400 

UNIVERSITY OF ILLINOIS LIBRARY AT URBANA-CHAMPAIGN. 




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VERBRÜDERUNG 



Ein Hochgesang unter dem Regenbogen 
in fünf Stationen 



von 



PAUL ZECH 



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Nachdruck verboten. Alle Rechte vorbehalte«. 

Den Bühnen gegenüber Manuskript. Das Auf- 
führungsrecht ist vom Verlag Hoff mann u. Campe, 
Berlin W. 35, Abt. Bühnenvertrieb, zu erwerben,^' 

Druck: Max Lande, Berlin C. 54, Gormannstr. 1^ 

Amerikanisches Copyright 1920 by Hoffmann und Can|iP* ^^^*' 

Berlin W. 35. 



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DIE JACOBSLEITER 

Ein heroisches Quartett 
(Das Rad Steine Verbrüderung Selige hisel) 



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Nachdruck \verboten. Alle Rechte vorbehalte«. 

Den Bohnen gegenüber Manuskript. Das Auf- 
führungsrecht ist vom Verlag Hoff mann u. Campe, 
Berlin W. 35, Abt. Bühnenvertrieb, zu erwerben,^^ 

Druck: Max Lande, Berlin C. 54, Gormannstr. l^* 

Amerikanisches Copyright 1920 by Hoffmann und Canj^P* "^^i 

Berlin W. 35. 



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DIE JACOBSLEITER 

Ein heroisches Quartett 
(Das Rad Steine Verbrüderung , Selige Insel) 



von 



PAUL ZECH 



H () F F M A N N UND C A M P K VERLAG 
H A M B U R G — B E R L I N 

19 2 1 



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PERSONEN 



Sebastian 

Herrmann Weißbluth 

Michael (sein Sohn) 

Viola (seine Tochter) 

Arbeiterin Maria Magdalena 

Der Heizer 

Arbeiter Schön 

Der Buchhalter 

Der .Mann mit dem roten Halstuch 

Diener (bei Weißhjuth) 

Arbeiter (bei Weißbluth) 

Aufseher der Strafanstalt 



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Polizisten 
Soldaten 



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DIE ERSTE STATION 



Hof der Fabrik. Rote Mauern von drei Seiten. Rechter und 
linker Flügel von drei Fensterreihen gebrochen. Der linke 
Flügel noch von tunnelhaftem Tor durchstoßen. 

Halbe Seite der Hinterwand ist Kesselhaus. Die Tür is^ 
offen. Die Feuerungen glühen. Nackte Gestalten schüren. 
Drittel des Schornstein-Aufetiegs ist sichtbar. 

Auf dem gepflasterten Hof — : Kisten, Fässer, Maschinen- 
teile, Kohlenhaufen. 

Der Heizer 

(Links vom. Sitzt auf einem zerbrochenen Schwungrad. 
Barhäuptig, braunes zerfetztes Hemd, teergefleckte Hose Bär- 
tiges, doch energisch geschnittenes Gesicht: Nahe Fünfzig. Klar 
g^liederte Sprache): 

Meine Rolle ist nicht Ihre Rolle. Weshalb stellen 
Sie sich mir gleich? 

Sebastian 

(Einäugig. Schwarze Binde verdeckt die Höhle des verletz- 
ten Auges. Grauer Samtanzug. Gelbe Gamaschen, grauer Hut, 
Form der Wildwestreiter. Bartloses Gesicht von unbestimmtem 
AHer. Steht dem Heizer g^nenüber): 

' , Damit aus zwei Teilen ein Ganzes wird. 



Nie ... so lange Sre : Abend, und ich : Morgen sage. 
Ich wehre mich, den mir von Ihresgleichen angesagten 
Weg zu Ende zu gehn. Der Kreis wird aufgebrochen. 

Sebastian 

' (Noph einen Schritt vor): 

Behindere ich Sie, wo Sie Kampf ansagen? 

Der Heizer : 

Warum blieben Sie denn im Schatten? 



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:^td'- Sebastian: . ^' ■ " '^' . ' -¥- \. 

Der Beschattete waren einzig Sie! V 

Der Heizer: 

Wie meinen Sie das . . . lieber Sympathien bei 
uns können zumal S i e sich nicht bdclagen. 

Sebastian : 

Sie saßen schon zu Gericht über mein Gehirn, ehe 
ich geboren wurde. 

Der Heizer: 

Es wird immer auf die Färbung des Gehirns an- 
kommen. Nicht so sehr auf die Triebkraft. 



Sebastian : 

Im ersten Falle heißt es: blindlings glauben 
anderen . . . nun ja, der existiert eben nicht. 



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Der Heizer: 

Sie meinen: man kann aus verschiedenen Motiven 
mit uns gehen? 

Der Durchschnitt ist sich über kein Motiv klar. 
Nicht einmal über das: des fetteren Vorteils. 

Der Heizer: 

Smd Sie und die Ihresgleichen denn keine Menschen 
. . . Verstehen Sie denn nicht, daß es sich auch neben- 
bei um das endgültige Sein oder Nichtsein handelt? 

Sebastian : 

Ich wiederhole : nicht ich : der beobachtend zwischen 
den Parteien steht, will Ihren Glauben zerstören . . . 
nein, die, die aus Ihrem Glauben über Sie hinauswachsen 
werden. Auch Sie werden nur Grenzstein sein! 



Der Hdzer: 

Sie wollen mir einen Knüppel zwischen die Beine 
werfen? 



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■k:'^^'''' - ' Sebastian: ' ^ 

Der Knüppel, den Sie in dem Augenblick sich selbö^ 
warfen, als Sie sich zum Kandidaten für den Betriebs- 
rat aufstellen ließen, klirrt Ihnen schon als Kette nach 
.... Jetzt müssen Sie beweisen, daß Ihr Gehirn über 
Tumult und Hunger steht. 

Der Heizer: 

Der Teufel war vor der Welt, die aus Liebe ent- 
standen ist. Ich rechne mit dem Pferdefuß, aber ich 
fürchte ihn nicht! 

Sebastian : 

Man darf ihm nur nicht abtrünnig werden. Und 
das sind Sie in dem Augenblick — da aus Ihren Händen 
nicht mehr Beunruhigungen, sondern Beruhigungen 
gehn. Und Sie werden viel beruhigen müssen ! 

Der Heizer: 

Ich habe mich vollkommen in der Gewalt. 

Sebastian : 

Das ist nicht der höchste Triumph ! 

Der Heizer: 

Lassen Sie mir den Weg schreiten, der mir einzig 
von meinem Innern vorgezeichnet ist. 

Sebastian : 

Wenn ich Ihnen aber sage, daß dieser Weg falsch 
ist? 

Der Heizer: 

Das kann kein Mensch voraussehen . . nicht Sie, 
nicht ich! Die Wolke, die über uns schwebt, uns an- 
führt, wird von überirdischen lilementen gerührt. 

Sebastian : 

Sie werden realer denken, wenn es sich um Ihren 
eigenen Kopf handelt. 



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Der Hfi«er: ' / 

Meinen Kopf kann nur die Oegenpartei wollen. 

Sebastian: 

Auch Ihre Partei ist für Duelle. Den Fangstoß 
empfängt immer derselbe. 

Der Hetzer: ^ 

ich bin meiner Partei sicher! 

Sebastian : 

Wer darf mit hochgezogener Braue aufragen : i c h 
befehle ? Und dann noch eine Parade abnehmen 
über gesenkte Häupter? 

Der Heizer: 

Es gibt eme Ordnung jenseits des Strafgesetz- 
buches ! 

Sebastian 

Und jenseits dieses Sterns! 



Der Heizer: 

Sie können mich nicht irre machen, wo ich schon 
beginne, die Frucht meiner schlaflosen Nächte als süße 
Trauben glänzen zu sehn. 

Sebastian : 

Dann sind Sie t)egnadeter als ich. Mein Gehirn ist 
erst über seinen Mechanismus hinaus: wenn Menschsein 
gleich : Himmel ist. 

Der Heizer: 

Wenn Sie dieses Beispiel wollen, ja. Mich gelüstets 
nach der Mission des Volksheiligen Moses. 



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Sd>astiaii: 



Ich brauche moderne Werkzeuge. Zwischen Keule 
und Maschinengewehr klaffen ein Dutzend Tausendjahre. 

Der Heizer: 

Ich rase mit Ihnen Rad an Rad! « 



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Sebastian 

(Mit suggestiver Kraft): 
Eine Meile vielleicht auf der Milliarden-Meilen- 
strecke. Doch Ihr Mitwollen genügt mir schon. Sie 
haben den Glauben: das sondert Sie ab von der Masse, 
die noch nicht dienen will. Sie werden das Tor halten, 
bis der, der als Erlöster Erlösung bringt, auf eintr Eselin 
hindurchschreiten kann. Dann dürfen Sie abtreten als 
Bekehrter oder — Antichrist! 



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Der Heizer: 

Das Rad wird nicht noch einmal in die Sterne hin- 
auf gesprengt, lieber diesen Irrtum sind meine Genossen 
zum Glauben an eine höhere Magie erwacht . . . auch 
die Flucht in das Eden der Domen und Disteln ist mit 
Scheiterhaufen an Scheiterhaufen von unseren Besten be- 
zahlt worden. Kesselfeuer und Treibriemen sind die 
Tonleiter, auf der wir den Generalmarsch schlagen — : 
Verbrüderung ! 

Sebastian 

(In langsamem Zurückweichen nach Hnks): 

Ja, es wird der Stein auch von diesem Grabe ge- 
wälzt werden . . (mit überirdisch dröhnender Stimme) 
Ich sehe etwas auf Deiner Stime, Sohn, das morgen 
Blitze wirft. Die geballten Fäuste meiner Widersacher 
zu Beterhänden ausreckt . . . das neue Hosiannah ortjelt 

Feuersäulen der Freude . . . heilige Laubwälder aus 

Güte und zartsamer Gemeinsamkeit .... 

(Mit schnellen Schritten in das Tor links.) 

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Der Heizer 

(Erhebt sich langsam): 
, Welch eine erhabenes Glück, von dem Messer der 
eigenen Verruchtheit erstochen zu werden! 

(Signalglocke schrillt. Arbeiter und Arbeiterinnen schütten 
sich mit Gelärm auf den Hof. Drängen. Gruppieren sich in 
vier Trupps. 

Tefi der ersten Gruppe terrassenhaft auf dem Kohlenberg.) 

Stimme aus der Menge: 

Wie lange noch? 

Der Heizer 

(Schiebt sich aus dem Gedränge nach vorn): 
Im Rat der Fünf traf das Loos mich, dieser Ver- 
sammlung" Rede zu stehn . . . Ich eröffne sie! 

(Rollt ein Faß vor. Setzt sich. Der Betriebsausschuß, Ar- 
Jxiter Schön und der Buchhalter daneben. Ziehen blaue Hefte. 
Notieren.) 

Arbeiter Schön 

(Das Profil von einer scheuen Bedrücktheit umflossen): 
Die Tagesordnung ist bekannt . . Nochmaliges Ver- 
lesen zwecklos. 

Der Sprecher der ersten Gruppe 

(Zwanzigjährig. Rote Bluse, zerfetzte blaue, von breitem 
Leuergurt gehaltene Hosen. Tellermütze tief in die Stirn): 
Wir protestieren gegen die Tagesordnung! 

Der Buchhalter 

(Putzt nervös die Augengläser): • 
Der Rat der Fünf hat einstimmig beschlossen . . . 

Der Sprecher der zweiten Gruppe 

(Frau mittleren Alters, in gelbbraunem Männerkittel. Ner- 
vöse Zuckungen die rechte Gesiclitshälfte herunter): 

Wir lassen uns nicht einschließen ! 
(Beifall der Gruppe.) 

Der Buchhalter 

(Halb erhoben): 

Den Anordnungen des Rates der Fünf hat sich nie- 
mand zu widersetzen. §§ 104a der Betriebsordnung . . . 

(Vereinzelter L^rni.) 



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? * Der Sprecher der ersten Gruppe: 
Jesuit! 

Der Heizer 

(Mit halb ärgerlich fragendem Augenaufschlag) : 
Darf ich aus diesen Worten .... 

Der Sprecher der dritten Gruppe 
(Grauhaariger Fünfziger. Schwarze Montur): 
Unser Recht: mitzubestimmen, ist brüchig ge- 
worden! (Vereinzelter Urm.) 

Der Heizer: 

Man kann nicht pflanzen und mähen zugleich ! 

Der Sprecher der ersten Gruppe: 
Wir verlangen Taten! 

(Die Gruppe wiederholt lärmeid.) 

Arbeiter Schön: 

Anträge sind- mit Unterstützung von Vö der Beleg- 
schaft schriftlich einzureichen. Mittwoch und Sonn- 
abends. Eine Stunde vor Beginn der Hauptsitzung im 
Rat der Fünf. (Vereinzelter Urm.) 

Der Sprecher der vierten Gruppe 

(Schreibertyp. Weicher Sportkragen, grelle Krawatte, maus- 
grauer Rockanzug): 

Wir sind für Ordnung! 

(Läiin bei den anderen drei Gruppen.) 

Der Sprecher der zweiten Gruppe: 
Ihre Ordnung ist dem Tierreich entlehnt. 

Der Heizer: 

Gedanken, die sich ändern, kommen mit jeder neu«i 
Kurve der Wahrheit näher . . Nennt das, meinethalben : 
Abfall! 



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Der Sprecher der zweiten Gruppe : 
Wille der Minderheit ist immer gleich eines Gottes 
Willen! 

: Der Sprecher der vierten Gruppe: 
Dieses System ruiniert uns völlig! 
(Unruhe bei allen Gruppen.) 

Der Sprecher der dritten Gruppe: 
Die roten Ströme haben sich verlaufen ! Es schreit 
aus uns das Blut der Leichen, die wir bergen. 

Der Heizer 

(Mit lnbnins<): 

Die Tagesordnung ist mit Blut geschrieben. Das 
Werk arbeitet mit Unterbilanz. 

(Lärm bei allen Gruppen.) 

Der Sprecher der ersten (jruppe: 
Dieser Bahn weiter folgen heißt : Selbstmord ! 

Der Heizer: 

Die Entscheidung zu dieser Katastrophe lag zu ^j^(^ 
Hl Euren Händen ! 

Der Sprecher der /weiten Ciruppe: 
Die heiligsten Gesetze des Proletariats verschandelt! 

Arbeiter Schön : 

Gesetz j-jegen Gesetz — : das dritte war stärker! 

Der Sprecher der dritten (jruppe : 
Wir stellen den dringenden Antrag, dem Rat der 
JFünf ein Mißtrauensvotum ... 

(Beif;ill bei ileii ersten drei Ciruppen.) 

Der Heizer 

(Mit lantj-samer Betommjj jeder Silbe.) 

Die Fabrik ist kein Kistendeckel. Wählt eine andere 
Plattfonn für Euer Würfelspiel. 

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Der Sprechet der ersten Gruppe ; 
Eure Uhr ist abgelaufen! 

Der Sprecher der vierten Gruppe: 
L)ie Ordnung trabt ab. Die Ordnung wird leer! 

Der Sprecher der ersten Gruppe: 

Wir beriefen sie nicht. Doch jetzt rufen wir laut 
sie auf! 

Der Sprecher der zweiten Gruppe: 
Wir heben die Fackel, eh sie verglimmt. 

Der Heizer: 

Wer auf trden nicht mehr mit Unglück rechnet, 
wird vom Unglück gefällt! • 

Der Sprecher der ersten Gruppe: 
Verblendung steh! 

Der Heizer: 

Nehmt Liebe und zersprengt die Kette! 

(Tumult bei allen Gruppen.) 

Arbeiter Schön 

(Wie in plötzlicher Erwachtheit) : 
Menschen . . Brüder . . . Schwestern . . . Menschen ! 

Der Sprecher der /weiten Gruppe: 
Auf dem ajideren Ufer wird konsequenter gedacht! 

Der Sprecher der ersten Gruppe: 
Heraus mit dem Todesurteil f 

(Beifall der Oruppe.) 

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Der Heizer 

(Erhebt sich . . .starren Blicks): 
Der Rat der Fünf hat in Anbetracht der Unteri>üanz 
beschlossen — ; von einer Dividendenverteilung diese 
Woche abzusehn! 

(Lärm bei allen Gruppen und vereinzeltes Fäustebalien.) 



Der Buchhalter 

(Kalt . . . geschäftlich): 
Macht Verlust für Arbeitsklasse I 18 Mark 90, für 
Klasse II 15 Mark, für Klasse III 12 Mark 10 und für 
Klasse IV . . . 

(Steigender Lärm bei allen Gruppen.) 

Der Sprecher der ersten Gruppe 

(Springt, mit puterrotem Blutandrang den Hals bis zuf 
Stirn herauf, einen Schritt jäh vor): 

Wir verlangen eingehende Begründung! 

Der Sprecher der zweiten Gruppe ; 
Gewinn wird Verlust — : Unverfrorene Wucher- 
bande! 

Arbeiter Schön: 

Wo bleibt Vertrauen? 

Der Sprecher der dritten Gruppe: 
Wir werden den Irrtum finden. Wir sind Männer. 
Klaräugig! 

Der Heizer: 

Es gibt nichts mehr zu rechnen. Die Revisoren 
haben alle Wurzeln gezogen! 



Der Sprecher der ersten Gruppe" 
(Fuchtelt erregt mit den Armen): 
Wir werden selber kontrollieren und an Latemesi 
hängen die Volksbetrüger! 

(Setzt sich und spricht auf die Gruppe ein.) 
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^r'-^l Der Heizer: 

Ich steh und fall mit meinem Amt . . Was ist noch 
aufzuzeigen . . die Reserven sind aufgebraucht . . . Auf- 
Ifcräge zurückgegangen . . . Rohmaterialien steigen . . . 
Defizit ist die Summe ! . 

I 

Der Sprecher der zweiten Gruppe : 

Die Reserven .... die Reserven . . . hört Ihr . . . 
aufgebraucht ! 

(Lärm bei allen Gruppen.) 

\ Der Buchhalter: 

Die Tabelle in allen Arbeitssälen zeigt schon seit 
drei Monaten die Kurve nach unten. 

Der Sprecher der ersten Gruppe: 
\ Verschleierung! 

Arbeiter Schön: 
) Das Manometer ist unbestechlich! 

I;': Der Sprecher der zweiten Grujl^e: 

Wir haben geschwitzt, uns gebückt. Wir haben 
entbehrt — : Wozu? 

K Der Sprecher der ersten Gruppe: 

Satt bis zum Halse. Satt. Korruption dieser soge- 
nannte Musterbetrieb! 

iÄ Der Heizer: 

f Mehr ist verschlossen . . . mehr ist zuviel! 

Der Sprecher der dritten Gruppe: 

Hier liegen wir . . . drängen wir . . . lärmen wir 
und werden nicht all — : zeigt den Ausweg! 

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Maria Magdalena: 

(Zwanziger Mitte, zigeunerhaft, schwanger, reißt sich aus 
der zweiten Gruppe mit einem Satz nach vom): 

Dämmert es, Betrogene, endlich bei Euch? Hört 
Ihr schon den Schrei der Unmündigen? 

Der Heizer 

(Mit tröstlicher Tiefe im Tonfall): 
Wir wollen hier die Brutalität Deines Mißgeschickes 
nicht abschwächen . . . und die Waffe Dir nicht aus den 
Händen schlagen — : Aber auch Dein Pfeil trifft nicht 
das Herz, das über uns als Satan schwebt. 1 

4 

Maria Magdalena: 

Vor mir brauchst Du diese Rolle nicht zu spielen. 
Meine Existenz gebietet neue Ordnungen! 

Der Sprecher der ersten Gruppe: 
Wem diese Säure die Augen nicht aufreißt, ist Stein ! 
Der Schrei Deiner schwersten Stunde, Weib, schlägt 
unsere Fäuste hoch. Das macht die Aufgabe lohnend! 

Maria Magdalena: 

Das Recht der Menschheit wird hier von einan ;; i 

Ueberläufer gebeugt .... ;$ 

Der Heizer ^| 

(In lauter Abwehr) : ijj^; 

Und wenn Ihr mich mit tausend Feuern brennt — : J 

Noch hebt uns kein Wunder hinan! '| < 

Maria Magdalena: 

Der mich schändete, trug Deine Maske! 
(Lärm und Fäusteballen bei allen Gruppen.) 

Der Heizer: - I 

Was jetzt über 39 Fieber in Deinem Blut ist, ent- 
schuldigt alles! 

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Maria Magdalena: 

j Dieser Schimpf ist so bitter wie keiner zuvor. Aber 

wj da er tausendmal in Gesichter, wie meines, geschlagen 
j wird, iot er Todesurteil . . . Darum rufe ich auf — : 
) Feuer an solchen Gerichtshof! 

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Arbeiter Schön: 

I Wahnsinnige, schweig! 

I Der Sprecher der vierten Gruppe: 

\ Wer sich ins Licht stellt, wird Schatten! 

\ Der Heizer: 

I Wehe dem von uns, der in dieser Hölle des Hassens 

/ um ein größeres Stück Brot den Anderen überlebt . . . 
; Muß denn noch Haß unter Geschwistern sein? Müssen 
' in Kerkern Angeschmiedete sich gegenseitig mit den 
, Kettenenden erschlagen ? 

j Könnten meine Arme diesen Irrturm doch schleifen ! 

i Ins Meer den Dreck aus Deinem Herzen schütten, Weib! 

Sieh, es ist nur ein Leben, das wir zu leben haben. 

i Von allen Ungeheuern der Vernichtung umheult . . . 

, Ewig steht wartend der Wagen draußen, der uns mit dem 

§-) Gelächter der kalten Maschinen in das Chaos abstößt . . . 
^^3' Laß hinschmelzen die verbogene Triebfeder Deines 
I Gdiirns .... 

Reiß den Tausendfuß Haß aus Deinen Adern . . . 
Kusch Dich Gottes Gesetzen, oder nagle mich ans 
Kreuz ! 

Maria Magdalena: 

Jeder gegen Jeden — : schonungslos! Mit neuen 
Köpfen, aus dem abgeschlagenen gewachsen, werde ich 

if wiederkommen ! 

j: (Schreiend ab.) 



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Der Sprecher der ersten Gruppe : 
Vergeltung kocht! 



19 






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Aber au< 



Arbeiter Schön:;" :^ 

Keinen Schuldigen lassen wir fliehn 
von keinem Fieber uns verwirren! 



Der Sprecher der zweiten Gruppe: ^ 
Ein Gitter starrt . . . dahinter krümmen wir wMl 




Der Sprecher der dritten Gruppe: 
Sind wir nicht da, uns zu retten? Wer behindeft 
den Weg? 

Der Sprecher der ersten Gruppe: 
Lüge .... Gewinnsucht . . . Emporkömmlingel \ 



Der Heizer 

(Springt auf): 
Die letzte Hemmung ist nicht aussprechbar. Un- 
sichtbar lastet sie über allen Stirnen . . . Reißt nieder . . , 
baut wieder auf — : Gepfeif von Ratten ist schon da, 
ehe das Dach steht. Das zum letzten Mal Sichtbare 
heißt: Verantwortung! Ich verantworte die Armut, die 
ich aussprechen mußte. 




1 



Der Sprecher der ersten Gruppe: 
Alles verpulvert zu nutzlosem Ruhm! 

Der Hdzer: 

Das zielt nach oben und unten mit gleicher Wucht 
Die Mitte ist luftleer! 

Der Sprecher der zweiten Gruppe: 
Tat wurde verlangt. Bahnt endlich den Weg! 

Der Sprecher der dritten Gruppe: 
Zeigt den gangbarsten ! 



Der Buchhalter: 

Dividende heißt Schweiß. 



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b iv Der Sprecher der ersten Gruppe: 

^ V Der Heizer 

(Ganz beherrscht und hart): 

Dann — : entweder Kürzung der Löhne, oder drei 
Monate eine Ueberstunde täglich ohne Bezahlung. 
(Tumult bei allen Gruppen.) 

Der Sprecher der ersten Gruppe: 
Mit unserem Schweiß bezahlter Henker! 

Der Sprecher der zweiten Gruppe: 
Brudermörder ! 

Der Heizer: 

Ein Märchen mehr über mich ! 

Der Sprecher der ersten Gruppe: 
Wir jagen die ganze Bande aus dem Betrieb! 

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Der Heizer: 
Deine Wahlstimme war der Effekt, der mich in den 
Rat der Fünf brachte. Konsequenz? 

(Lärm bei allen Gruppen.) 



Der Sprecher der zweiten Gruppe: 
Abtrünniger! 

Der Buchhalter: 
Dünkt Euch jeder, der höher denkt! 

Der Sprecher der ersten Gruppe: 
Ich bin neugierig, worin wir uns von dem Schinder 
5^ Wdßbluth z. B. unterscheiden! 

Der Heizer: 

Ihr werdet mit diesen Methoden das Leben nie 
formen. Besinnung nur siegt empor! 

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Der Sprecher der dritten Gruppe: 
Wer hat die Zeit dazu ! Uhren gehn schnell ! 

Der Sprecher der zweiten Gruppe: 
Nieder mit allen Uhren ! 

Der Heizer: 

'Stumme Maschinen lachen über unsere Disziplin- 
losigkeit ! 

Der Sprecher der ersten Gruppe: 
Aufstieg und Abstieg ist Schein! 

Der Heizer: 

Wir bleiben wenn gewollt wird ! 

Der Sprecher der ersten Gruppe : 
Verräter ! 

(Von der Gruppe wiederholt.) 

Der Sprecher der vierten Gruppe : 
Wo bleibt Solidarität? 

Der Heizer: 

Dieser Schrei peitscht nicht mehr auf. Viele horchen 
nach ihm und hören ihn nicht vor Lärm des Bruder- 
mords. 

Der Sprecher der ersten Gruppe: 

Dein Kadaver ist der erste, der baumeln wird! 

(Lärm und wirres Durcheinander bei allen Gruppen.) 

Pause. 



Herrmann Weißbluth 

(Silberbärtiger Kopf, eckig, zerfurcht, in blauem Fabnk- 
kittel, langsamen Schritts aus dem Tor links): 

Ein Mensch ist kein Feind! 

(Wird von den Gruppen umringt.) 

22 



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Der Heizer: 

, Recht ist Unrechttuem immer Unrecht ! 

Herrmann Weißbluth: 

Trotzdon — : Unbekümmert ziehn wir den unab- 
änderlichen Bogen. 

Der Mann mit dem roten Halstuch 

(Noch aus der Menge herausbrüllend): 

Erfüll Deine Pflicht, alter Gauner, steh, uns Rede ! 

Stimme aus der Menge: 

Wohin sind die Reserven geflossen? 

Herrmann Weißbluth: 

Ihr habt Tabellen verlangt. Jetzt reden die! 

Der Mann mit dem roten Halstuch: 
Betrug ! « 

(Lärm überall.) 

Stimme aus der Menge: 

Geld wollen wir sehn . . nicht Zahlenreihen. 

Herrmann Weißbluth: 

Wohin langst Du, ^Freund, nach Eigentum? 

Der Mann mit dem roten Halstuch: 

Wir machen die Flinten wieder brauchbar! 

Herrmann Weißbluth: 

Leben zielt nach höherem Preis! 

Der Mann mit dem roten Halstuch 

(Dicht vor Weißbluth. Erregt): 

Her mit allem, was das Leben erst wirklich macht! 

23 



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Herrmann Weißbluth: 

Der Eimer zum Brunnen herunter wird von Euren 
Händen bewegt. Ich bin nur Kette! 

Stimme aas der Menge: 

Wärst Du Kette nicht mehr, ich hieße Dich — : Aas ! 

Arbeiter Schön: 

Fürchteriiches Triebwerk zum Chaos geschwellt! 

Herrmann Weißblutk: 

Fühlt Euer Blut aus dem meinen geworden — : wo 
es Euch brennt, streichele ich schon Narben! 

Stimme aus der Menge: 

Mein Stelzfuß komme über Dich! 

Der Mann mit dem roten Halstuch: 

Reinigt die Erde von diesem letzten Geziefer. 

(Arbeiter dringen drohend auf ihn ein.) 

Herrmann Weißbluth : 

Wenn Leben daraus wird, niemand behindert Euch, 
neues Leben anzubeten. 

Der Heizer: 

Hand wird zur Kralle. Faust zur Keule! 

Stimme aas der Menge: 

Um Weg und Welle tobt der Kampf. 

Arbeiter Schön: 

Knüpf Dir nicht selt)er den Strick. Stünde Dein Ge- 
schrei als Triebrad über uns — : Zerschunden, ausge- 
sogen, von Krücken gestützt würden wir uns einander 
anstarren. Das Gehirn ausgelaugt ... die Muskeln 
von Skorbut zerbogen, mit grinsenden Totengebissen 
.... luftleere Vogelscheuchen im Wind — : werden 
unsere Augen nach innen schlagen. Vielleicht langt 
Bereuen noch zu einem Seufzer — : Abel, wo bist Du? 

24 






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i J - Der Mann mit dem roten Halstttch: 

Wer kann noch Richter sein außer uns? Haß bis 
zum endlichen Tod ! 

Der Heizer: 

In diesem Zeichen fällt zu Asche, was sich um Dich 
sammelt! 

Stimme aus der Menge: 

Der Rat der Fünf revidiere und entscheide noch 
einmal! 

Der Mann mit dem roten Halstuch: 

Entscheidung auf Gummi gezogen! 

Herrmann Weißbluth 

(Springt auf eine Tonne. Beschwörend): 

Wollt Ihr hinein in Nacht und Nichts ? Beschlossen 
liegt unser Werk in einer Stufe. Wer sie versperrt: 
Stürzt in den Abgrund zurück. Aber was wißt Ihr von 
Weltschuld . . . Samen und Ernte, Aufruhr und Aufbau. 

In imseren Bureaus zischen die Bogenlampen Nacht 
für Nacht. Die Tabellen rechnen klug . . Die Maschinen 
■ur laufen nicht genug. Eure Maschinen ! 

Nerven sind härter wie Muskeln. In meinen Schläfen 
wurden sie Stein. Vor meinen Augen rinnen die Kömer 
ins Gehirn. Wenn die Euren paradiesisch weiden — : 
Der Rat der Fünf klopft Steine! Schmettert in Scherben 

das Gefäß — und die Säure eitert durch Eure 

Augen ! 

(Zustimmung vereinzelt) 

Der Mann mit dem roten Halstick: 

Blendwerk. 

Herrmann Weifibinth: 
Wahrheit . . . Wahrheit . . . zerreißt Euch und die 
Fäuste ziehn doch keinen Himmel herab ! 
(Steigt von der Tonne herunter.) 

25 




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Der Heizer: 

Ich bürge für Wahrheit. Die Zahlen zerschmettern 
Euch oder mich! 

(Drohungen aus der Menge.) 

Dei Mann mit dem roten Haistach: 

Die Dividende — : oder Deinen Kopf. Wir nehmen 
Dich beim Wort. 

Herrmann Weißblnth: 

Dann nehmt den meinen schon heute für seinen. 
Wunder stacheln mich nicht mehr. 

Stimme aus der Menge: 

Wir geben Euch acht Tage Bedenkzeit! 

Der Heizer: 

Flucht wäre hier ärger als Feigheit! 

Stimme aas der Menge: 

Wir verlangen präzise Erklärungen. 
(Von der Menge nachgeschrien.) 

Arbeiter Schön: 

Ich wähnte Euch über dieser Landläufigkeit! 

Herrmann Weißblath: 

Ich will an allen Bettelecken stehn . . erschauern 
und Euch ergründen! 

Der Mann mit dem roten Haistach: 

Getroffen: wie sich das dreht und windet zu be- 
kennen: hier steh ich, Betrüger! 

Der Heizer 

(Zomgerötet): 
Ist das der Ausweg aus dem Nicht-weiterkönnen ? 
Feige Hyänen, auf den Krankenbetten der Nothäuser die 
Ichsucht, statt Mitleid pflanzend! 

26 



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Hernnann Weißblttth: 

Ich werde die Brücke sein, die Euch, Auseinander- 
strebende, wieder zusammenführt . . . das letzte Wort 
darf ich noch nicht aussprechen! 

Der Mann mit dem loten Halstuch: 

Stürzen Gründe um Gründe herauf? Das Ver- 
fahren ist langweilig. Gebt Vorschuß ! ^ 

Der Heizer: 

Wo bleibt Disziplin vor dem eigenen Gesetz? 

Der Mann mit dem roten Halstuch: 

Dir hinterrücks ins Genick! 

(Schlägt ihn mit einem Eisen nieder.) 

Der Heizer 

(Taumehid, von zweier Freunde Armen schnell gestützt): 

Nicht . . . jeder Kuß . . . verhauchend . . . schwärt 
Gift! 

(Wird zurückgestützt.) 

Herrmann Weißblnth 

(Wirft sich zwischen „Mann mit dem roten Halstuch" und 
der, Fäuste gegen ihn hebenden, Menge): 

Nicht Auge um Auge . . . Zahn um Zahn . . . das 
zerstört die Energie .... und Menschen schreien auf! 

Der Mann mit dem roten Halstuch: 

Ich habe mir drei Monate lang diese Tat zuge- 
trunken. Uebermorgen hätte sie ein anderer vollbracht. 
Weil ich einmal zu spät kam, will ich nicht ein zweites 
Mal daran verrecken! 

Der Heizer 

(Aus dem Hintergrund schon): 

Dein System, Genosse von gestern, wird immer zu 
spät — : Befreiung. 

27 



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Stimme aus dei Menge: 

Wir pfeifen auf Befreiung, die mit der einen Hand 
gibt und mit Feuerzangen wieder nimmt! v 



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Arbeiter Schön: 

Keser berstende Zwiespalt zieht uns allesamt in 
die Tiefe, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Ueber 
unseren Selbstmörderschädeln bauen sich schon Paläste, 
die mit Nilpferdpeitschen nach unseren unmündigen 
Söhnen dürsten .... Besinnung . . . Besinnung! 



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Der Mann mit dem roten Halstuch: 

Besinnung ist eine Erfindung des Arbeiterteufels 
für Bibelstundenläufer und — : Schuhputzer! 

Stimme aus der Menge: 

Brecht Bahn durch die Schornsteinwälder! 

Der Mann mit dem roten Halstuch: 

Ich gab schon das Signal! 

(Durcheinandertoben der Menge.) 

Herrmann Weißbluth 

(Beschwörend): 

Ein Mensch ist doch kein Feind! 



Vorhang. 



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DIE ZWEITE STATION 



Das große Fabrik-Kontor. Graugetäfeltes Rechteck. Licht 
durch sechs große Fenster. Grünbedeckter Konferenztisch von 
dreiviertel Länge des Raumes parallel mit den F«istem. Fünf 
kleine Lampenkugeln darüber. 

Seite links: gelber Diplomatentisch. Hoher gelber Kasten- 
scssel davor, gleich gestalteter daneben, dritter dahinter. Weiter 
hinten: zwei Türen aus blauen Vorhängen. 

Seite rechts: vom große Glas-Flügeltür. Weiter hinten: 
Schaltbrett mit 12 Hebeln, 24 Tastern, 24 I^mpai rot und grün. 
Wiederholtes Aufglühen mit leisem Klingelgeräusch. 
Werkzeichnungen auf Tafeln an den Wänden. 
Licht aus großer, sanft rot glühender Bogenlampe. 
Frühe Abendstunde. 



Hemnann Weißblnth 

(Am Schreibtisch links. Sitzt. Ihm gegenüber Sebastian. 
Sitzt): 

Neue Versammlung wieder resultatlos verlaufen! 

Sebastian : 

(In langem weißen Werkmantel. Das schwarzverdeckt« 
Auge beherrscht das Gesicht): 

Immer, wo zwei oder drei versammelt sind! Das 
ist Schwäche und Kraft zugleich. 

Hemnann Weißblnth: 

Wären diese Menschen im Namen Gottes zusam- 
men, auch der noch wäre nicht unter solchen Zerwür- 
felten! 

Sebastian: 
Götzen sind nicht Gott! 

Hemnann Weißblnth: 

Nur Götzendienst ist. 



29 



■^-i*Mirfif'ift'^ti4rViitliTiTi7%-'Tf-'f^^ '^^'=f^''t^~'i-fMflM^-^^^^-^^^^^ 



Sebastian : 

Und Turmbau! 

Herrmann Weißbluth: 

Könnten wir doch entwirren! 

Sebastian : 

Sind Sie es selber schon? 

Herrmann Weißbluth: 

Sie rieten mir seit jenem November jede Tal! 

Sebastian: 

Gaben Sie sich immer völlig aus? 

Herrmann Weißbluth: 

Laufe ich meinen Fall, geschehe ich! 

Sebastian : 

Zwischen Kulissen! 

Herrmann Weißbluth: 

Aber bin doch Mensch! 

Sebastian : 

Nicht mehr als andere. Nur differenzierter! 

Herrmann Weißbluth: 

Und die Vollkommenheit ? 

Sebastian : 

Wird nach Ihnen Tat! 

Herrmann Weißbluth: 

Dieser Glockenton! 

30 









Sebastian: 

Ich entnahm ihn Ihrer Stirn ... 

Herrmann Weißblath: 

Ich war im Dunkel . . . meine Hände suchten . . . 

Sebastian : 

Trotz Wegweiser- Armen — : vorbei! 

Herrmann Weißblath: 

Sie wußten, daß ich im Tiefsten: belcehrbar war! 

Sebastian : 

So, wie ein todbereiter Mörder nach einer Flasche 
Alkohol ruft. 

Herrmann Weißblath 

(Ganz langsam): 

^ Zur Form des Elends dränge ich dennoch hin! 



Sebastian : 

Endai — oder erst sein — ; Sie werden die Wende 
wagen. 

Herrmann Weißblath: 
Und was dazwischen ist? 

Sebastian: 

Hängt auch nicht von Ihran Willen ab ! 

Herrmann Weißblath: 

Ich warf mich in alle Hochspannungen. 

Sebastian : 

Soweit Gehimmasse gleich — :Spannung ist, ja ! 

Herrmann Weißblath: 

Sie kommen ins Außerräumliche . . . Noch bhi ich 
im Heute! 



31 



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Sebastian: 

Tag und Ewigkeit — : es ist überall das gleiche. 

* Heirmanii Weißbluth: 

DrauBen lacht man über diese Wirklichkeit. Und 
tastet mit tausend Händen die riesige Wölbung der Erde 
ab, den goldenen Quell zu finden. 



Sebastian : 

Wie spaßhaft Sie übertreiben! 

Herrmann Weißblnth: 

Sie bekennen nur den Mechanismus. 

Sebastian : 
Soweit er als Motor des Blutes durch meine Adeni 
pocht, ja ! Im Gehirn ist er Knabe und spielerisch ! 

Herrmann Weißbluth: • 

Dieses Wissen verlor ich! 

Sebastian : 
Darum wächst die Menge über Ihren Kopf. 

Herrmann Weißbluth: 

Bin ich nicht teilbarer Teil von ihr? 

Sebastian : 
Zu groß noch ist der kleine Ball, an dem Sie kleben! 

Herrmann Weißblnth: 
Ich habe nach Ihrem Rat willig aufgeteilt. 

Sebastian : 

Ein ansehnlicher Rest blieb zurück. 

Herrmann Weißbluth: 
Soll ich meinem Sohn den letzten Rock nehmen? 



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32 



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!J;C Sebastian: 

Seit wann bekennen Sie sich wieder zu ihm ? Und 
wissen Sie, daß er k e i n e n Rock hat? 

Herrmann Weißbluth: 

Reue ist nicht spurlos an seinem Gehirn vorüber- 
gegangen. Seine letzten Briefe atmeten Stern und auf- 
sprossendes Grün. 

Sebastian: 

Sie verzeihen also, daß er mit falschen Wechseln in 
Ihre Kasse griff und ein Vermögen mit Arbeiterinnen 
Ihres Werkes in Nachtlokalen zertanzte? 

Herrmann Weißbluth: 

Dem zerlassenen Körper wird sich endlich meine 
Form entrunden. Ich weise ihm das Blut der tiefsten 
Verwundung. • "^ 

Sebastian : 

Das ist das Leben, wenn die Sinne fallen. 

Herrmann Weißbluth: 

Selig seh ich meinen Garten glühn! 

Sebastian: 

Und setzten dennoch die Unterschrift zu Füßen der 
Strafverfolgung? 

Herrmann Weißbluth: 

Sie rühren nicht umsonst an das ewig offene Ge- 
schwür in meinem Herzen. 

Sebastian: 

Das Gebrest wird narbenlos verschorfen, wenn Sie 
das gute Resultat Ihrer Strafvollstreckung sehen. 

Herrmann Weilblath 

(Erhebt sich ächzend, geht im Zimmer auf und tb): 
Wenn die Nächte ... die Nächte nicht wären ! 

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33 




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Sebastian: f^ 

Das heißt — : sich dem Sein nahem. : 



Hernnann Weißbluth: 

Bilder sind Täuschung. Sie dachten ftealer sonst. 

Sebasüan 

(Allmählich in ein tiefes Pathos wachsend): 

Um alle Himmel sind wir gerankt. Weiß (^ Tele- 
graphist, wen er ruft, wenn die Ströme der Leitungen 
durch sein Gehirn zittern? 

Herrmann Weißblath: 

Ich scheue das, was aus den Nebeln näher kommt, 
ganz langsam singend, mir entgegenschleicht auf jedem 
Wege, den ich flüchtend wähle. 

Sebastian : 
Lichte Kugeln schwirren durch den Raum! 

Hernnann Weißblnth 

(Bleibt dicht vor Sebastian stehen): 

Wenn man doch fühlte, wie schwarz der Tag um 
einen ist. 

Sebastian : 

Es kann nicht sein, daß ein Hilferuf ungehört bleibt. 

Herrmann Weißblnth 

(Setzt sich wieder): 

Und Sie . . . Sie finden den Ausweg nicht aus 
Kleinem? 

Sebastian : 

i Zum Beispiel? 
l 

Herrmann Weißblnth: 

Der Schrei an den Maschinen entlang? 

34 




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Sebastian 

(Nervös mit einem Lineal auf den Tisch trommelnd): 

Das . . . das ist ein besonderes Gesetz xmd ein Reich 
für sich. 

Herrmaim Weißblath: 

Sie veranschlagen? 

Sebastian: 

Die gute Schale der Wage bleibt leer. 

Hemnann Weißblath 

(In steigender Erregung): 

Sie fordern . . . . ? 

Sebastian: 

Was ich schon andeutete: Schütten Sie die Hälfte 
Ihres Privatkapitals aus. Ich fühle, wie der Wunsch zu 
helfen, Ihre Muskeln spannt. Reissen Sie den Hebel 
herum ! 

Herrmann Weißbluth 

(Zurückweichend . . . blaß.) 

Hier sehe ich Irrwege. 

Sebastian : 

Die Nadel im Kompaß zeigt immer nach Norden. 

Herrmann Weißbluth: 

(Steht auf . . . sinnt mit herabhängendem Kopf.) 

Da flattert in durchfahrene Lüfte ein Mahnerhauchen 
und ein Amen fällt als Zittern von Gott herab in seines 
Knechtes wunden Leib ... 

Sebastian : 

Sträuben vergeudet nur Kraft! 

3- 35 



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Herrmann Weißbluth: " 

Den Rest, den Zeiten ließen, gebe ich hier dem 
^^ Aeußeren, daß es mich vergesse! 

(Springt schnell an das Schaltbrett. Wirft nacheinander 
drei Hebel herum): 

.... drei Maschinen laufen leer. Doch die Skalen 

drehen nach Gewinn ab. Zwei Wochen werden in den 

Gehirnen meiner Arbeiter auf helles Zufriedensein, weil 

es Geld ist, stehn . . . Aber was dann? Wann ich mich 

ausgeschüttet habe? 

Sebastian 

(Aufrecht am Diplomatentisch); 

Werden Sie die Tat wiederholen müssen! 

Herrmann Weißbluth 

(Zurück bis zur Mitte des Raumes): 

Sie bauen Dämme gegen mich. Sie schalten nüch 
aus. Aber wie ich jeden einzelnen herzurufen will, ruft 
ich auch mich ! 

Sebastian : 

Nur das gilt vorerst, was der Arm mühelos um- 
schreibt ! 

Herrmann Weißbluth; 

Jeder Tag grinst aus breiterem Gesicht. 

Sebastian : 

Wie vieles stirbt ungehört in einer Stunde! 

Herrmann Weißbluth: 

Wäre anbrechender Frieden unser Werk, verlockte 
es mich nach keinem anderen Paradies. 

Sebastian 

(Setzt sich wieder. Blättert in Papieren): 

Dieser Glockenton splittert noch über alle Dächer. 
36 




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:^ - Hemnann Weißbluth 

' (Schreitet langsam auf und ab): 

Bis einer durcli Armut heimatlos werden kann, 
spanne ich die Zirkel durch die Nacht. 

fv Sebastian: 

Als ebenfalls Armer? 

Herrmann Weißblath: 

Wenn Sie die, die unten lärmen, arm nennen, ja? 

Sebastian : 

Lassen Sie, als Probe auf dieses Exempel, die Arbei- 
terin Maria rufen! 

Herrmann Weißbluth 

(Bleibt fragend stehen): 
Warum gerade diese, durch alle Höllen der Ichsucht 
gedrehte Kreatur? 

Sebastian: 

Ihr Werkzeug in Reinkultur! 

Hemnann Weißblnth 

(Geht an das Schaltbrett, kurbelt. Große rote Lampe glüht 
auf.) 

Der Diener 

(Alter Graukopf, uniformiert und starr in Dressur, durch 
eine Tür links): 

Befehl — : ? 

Herrmann Weißbluth 

(in verändertem Tonfall): 

Die Arbeiterin Maria sofort herauf. Nebeneingang 
natürlich. Ohne Aufsehen. 

_ (Diener ab) 

Sebastian : 
Ohne Aufsehen? Bank für Armsünderin? Sind 
Sie für Freude, dann zeigen Sie lichte Dinge! Schütten 
Sie Blumen aus . . . Musik muß brausen! 

37 







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Heirmann Weißbluth 

(Setzt sich an den Diplomatentisch. Gesidit rötet sich von 
Verwirrtheit) : 

Sollte diese Verkettung wirklich vorhanden und 

notwendig oder gar nur möglich sein? 

Sebastian 

'(Mit steigender Sicherheit): 

Erkennen schweigt! 

Der Diener 

(Durch eine Tür Unks): 

Arbeiterin Maria verhaftet! 



Warum? 



Herrmann Weißbluth 

(Springt auf): 



Der Diener: 

Hat versucht, Feuer an den Oelschuppen zu legen. 
Zwei Fässer brannten schon . . Kind ist mit verbrannt. 

Herrmann Weißbluth: 

Kinds-Mörderin . . Brandstifterin . . . ? Wer gab 
den Befehl zu verhaften? 

Der Diener: 

Der Gendarm war gleich zur Stelle! 

Herrmann Weißbluth: 

Orientiere meine Tochter Viola. Soll die Arbeiterin 
Maria im Gefängnis aufsuchen . . Diese Stunde noch . . . 

(Diener ab.) 

Sebastian : 

Sie werden Ihre Unterschrift unter das Protokoll 
Strafverfolgtmg setzen? 

38 . ' 



^■-^. 






' ■**'- ''-V'"^ •'--■■'', Äv'' ?-! "si!^ ^--' ."'i^^- jIT**"^ 



Hemnann Wdßblath 

(Mit zischendem Schrei-Ton): 
Nein! 

Sebastian: 
Sie werden die Belegschaft der Fabrik verantwort- 
hch machen? 

Herrmann Weißbluth: 
Nein . . . Nein! 

Sebastian : 

Sie werden die Arbeiterin Maria auf ihren Geistes- 
zustand untersuchen lassen? 

Hemnann Weißblnth 

(Mit beiden Händen die Stirn haltend): 

Heute rollt ein Keim des Sühnens meiner Irmis zu. 

Sebastian : 

Es gibt Stufen, die noch tiefer im Finstern faulen. 

Hemnann Weißbluth: 

Wenn Strafen Stufen zum Glück sind, will ich auch 
die Kugel noch hinnehmen. 

Sebastian : 

Buße wählt man sich nicht selbst! 

Hemnann Weißbluth 

(Springt auf . . . Auge in Auge dem Oberingenieur gegenüber): 

Knirscht nicht überall ein zorniges Gebiß mn zu — ; 
Fremdling! An meiner ausgestreckten Hand vor- 
bei — : Hunger . . Fluch . . . Mord? Bleibt nur die 
Nacht: ins Gebet hinüber zu ruhn! 

Sebastian 

(Mit einem Zirkel ruhige Bahnen auf den Zeichenblock 
schlagend) : 

Dort ein Opfer . . . hier: Zerknirschung! Wollen 

Sie frei sein, opfern Sie Isaak! 

39 



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Herrmann Weißbluth: > ^^tö 
Furchtbare Züchtigung .... Einst glaubte man mir, 
daß ich Mensch bin . . . Auch Du nahmst mich auf: 
Empörung der Abgezäunten . . ! 

Noch nicht genug : meine Hand brannte schwarz an 
den Maschinen. Mein Haar sengte ab vor den Kesseln. 
Noch nicht genug : Dividende, die nicht ist, muß ich jetzt 
lügen. 

Noch nicht genug: Opfertat einer Mörderin, Brand- 
stifterin muß ich hochpreisen! 

Noch nicht genug: ich blute mit Euch . . mit dem 
Staat! 

Wann endlich bin ich genug?! 

Sebastian 

(Sieht nicht auf vom Zeichenbrett): 
Ewig stürzen Schreie von Mitternacht zu Mitter- 
nacht. Doch Seelen sind da sie zu hören. 
Haben Sie Seele? 

Herrmann Weißblnth: 

Wann springt Ihr Gehirn, eine andere Welt drehend, 
mir bei? 

Sebastian : 

Maschinen laufen sich heiß. Herzen nur, ausgesetzt 
auf den Bergen, tundonnern die Sonnen — : Steht 
still ! 

Der Zirkel schlägt abermals den Kreis — : O p f e rn 
S ie I saak ! 

Hemnann Weißblnth 

(Bricht in dem Sessel zusammen): 

Wer unter Menschen denkt dieses zuende?!! 

Pause. 
40 



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Sebastian 

^ (Erhebt sich. Geht ans Schahbrett. Zieht den -großen 
Hebel herum. Fünf rote Lichter flammen auf): 

1^' Jeder durch das eigene Tor .... Bald erstarrt 

I: jeder rinnende Sturm zum Balken. Solche festen Reste 

I könnte ich einander verrammen. Zur Form der Voll- 

.!^ _ endung dränge ich hin . . . 

'- - (Geht auf und nieder. Spricht mit gedunkelter Stimme) : 

"^ Aber wie seid Ihr doch so sonderbar, alle. Wie 

schwer zerlegsam nehmt Ihr Euch! Wer seid Ihr, ver- 

- ' wanderte Wesen ? Was stößt Euch immer wieder zurück 

auf den Beginn ? Ist Kindsein : Fortschritt ? Was brennt 

Ihr auf Altären empor? Ist Paradies: AusruhnZ Ist 

Seligkeit: Sattsein? Ist Gott: Flügelfächeln über Eure 

Verdauung ? 

Herrmann Weißblath 

(Zusammengeduckt) : 

Hier ducke ich mich — : zerbeult, zerschunden. 
Meine Adern rinneft aus, bis der letzte Krampf kommt, 
bis der Gnadenstoß aufbäumt. Bis das Feuer mich auf- 
zehrt ... bis der Wind mich ausstreut . . . 






Sebastian 

(Bleibt in der Mitte des Raumes stehen, mit verschränkten 
Armen): 

Du bist nicht der Erste, nicht der Letzte . . . doch 
der Zäheste von allen! Damit rechnete ich von Anbe- 
ginn. Du hast es mir nicht leicht gemacht. Denn Du 
wolltest beides: Das Gute und das Böse . . . Und bist 
darum von allen Seiten sichtbarer Eckstein. Mein Zirkel 
maß Dich unendlich aus. Von allen Flächen bleibt 
nichts. Zu hoch ... zu hart ... zu weich ... zu 
schwer .... und zu leicht . . . ! 

Nun will ich Dich auf Deinen Urzustand zurück- 
mahlen Mit allen Maschinen, mit allen Religionen, 
mit allen Segnungen, mit allen Flüchen . . . Krieg und 
Frieden ! 



41 




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Herrmann Weißbluth 

(Erhebt sich mit verwirrten Augeii. Streckt beide Hände 
abwehrend aus): 

Ich höre eine fremde Stimme aus fremdem Gesicht. 

Ich finde nicht Antwort . . . Wer bist Du, Mensch . . . 

unwirkHche Erscheinung? 

Sebastian 

(Schnell auf den Schreibtisch zu. Reißt <\en Zeichenblock 
empor. Hebt ihn dem Verwirrten ins Gesicht): 

Sieh, sechs Kreise zog ich in sechs Tausend-Jalir- 
Tagen. Der siebente ist Ansatz nur. Der, der ihn 
nachziehen soll, hebt schon die Hand. Jetzt muß ich 
wachen darüber, daß Du ihm nicht in den Arm fallen 
kannst .... 

Herrmann Weißbluth: 

O kühler Tau der Gruft .... 

Sebastian 

(Wirft den Zeichenblock zurück. Schreitet, mit dem Ton- 
fall der Anfangsszene im Sprechen, auf Herrmann Weißbluth zu. 
Berührt seine Schulter): 

Mit breitbeinigem Schwung zurück auf die Erde — : 
Sie werden präsidieren ! 

Herrmann Weißblutk 

(Willenlos schlaff): 

Gewitter rasen herauf . . . Blitz, Du bist in Keinem ! 

Lassen Sie die alten Schleusen der Beredsamkeit 
niederregnen. Wenn nur die Erde vorerst gelockert 
wird. 

Der Strom wird von widersätzlichem Gestein immer 
ins Schlechte abgelenkt werden! Es ist keine Fröhlich- 
keit mehr an den Ufern. 

Sebastian : 

Das Meer läßt sich die Mündungen seiner Vasallen 
nicht abgraben. Die Zeit tropft das Tempo der Strömung. 

42 



-« 






HemnanH Weißbluth: 

Das Glück des Opfems haben Sie, und ich die Qual i 

Sebastian : 

Sie haben meine Arbeit bezahlt ... so, wie Sie 
höhere Werte immer einschätzten. Forderte ich mehr? 

Herrmann Weißbluth: 

Konnte ich hindern, daß sich ein fremder Blick in 
mein Gehirn zwängte und dort Kräfte bloßlegte, die ich 
zurückhielt? 

Sebastian : 

Ich sehe, daß sich meine Bewegungen zu Hand- 
lungen ballen. . . . Worauf warten Sie noch ? 

Herrmann Weißbluth 

(Mit äußerster Energie sich emporstraffend): 

Gut — : der letzte Rock soll gerecht zerteilt werden. 
Es ist ein sonderbares Gefühl, daß einem nichts mehr 
schaden kann. Nicht \yahr? Wenn jemand, für den die 
Balken der Köpfmaschine schon hochgeschraubt werden, 
sich schnell noch einen Rausch ansäuft, so tut das nichts, 
nicht wahr? 

Darum: rufen Sie herbei die . . . Zeugen . . die 
Dolmetscher ... die Bekehrbaren ... die Amensager . . 
Rufen Sie die ganze Welt herbei! 

Sebastian 

(Mit einem, leicht um den Mund gefalteten Lächeln): 

Auch diesem wirst Du noch nicht Bruder sein! 

Der Mann mit dem roten Halstnck 

(Gefolgt von zwei Arbeitern, betritt den Raum): 

Durch die Säle donnert zu spät schon Alarm. Den- 
noch: wir haben Ohren! 

43 






Herimann Weißbluth 

(Wie ein Götze aufrecht vor den Arbeitern): 

Die Fabrik ist Euch ausgeliefert . . . Den Strich 
unter die Rechnung mag jetzt dieser (zeigt auf Sebastian) 
setzen. 

Der Mann mit dem roten Halstnch: 

Von dieser Selbstverständlichkeit nehmen wir na- 
türlich Notiz . . . doch soll erst der große Rat darüber 
entscheiden, was mit Dir, Krüppel, begonnen wird! 

Der erste Arbeiter: 

Wir haben nämlich auch unsere Ehrbegriffe. 

Der zweite Arbeiter: 

Wir nehmen bloß, was uns schon lange gehört! 

Herrmann Weißblath 

(Schritt um Schritt zurückweichend): 
Wo bin ich hingeraten?! 

Sebastian 

(Den Arbeitern mit kalter Ironie zugewendet): 

Seine Opfertat, Kameraden, kam aus der dunkelsten 
Gehirnwindung herauf . . . Zangen griffen zu . . Dennoch 
ist es kein Wasserkopf geworden, was Ihr nun aufzu- 
päppeln habt. 

Herrraann Weißblath 

(Taumelt) : 
Höllen tun sich auf! 

Der Mann mit dem roten Halstach 

(Mit zynisc^enr Lachen auf Herrmann Weißbluth zu): 

Hängst Du schon an der Laterne? 

Der erste Arbeiter: 

Saugen schon Ratten Dein schwarzes Blut? 

Der zweite Arbeiter: 

Noch im Verröcheln spei ich Dich an! 



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44 



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Herrmann Weißbluth 

(Duckt sich wie unter Peitschenschlägen): 

Schmach .... Schmach . . . Schlag mir den letzten 
Atem aus . . . 

Sebastian : 

Wie er röchelt . . . wie er zerbricht — : willst Du 
Mann . . . und Du Genosse . . . und Du, ins Licht ge- 
höhter Wurm . . . wollt Ihr Gestirne diese:. Jüngsten 
Tages, wollt Ihr diesen Triumph nicht zu Ende brüllen 
straßauf . . . straßab? 

(Reißt die Flügeltür auf.) "^ 

Streut Palmen durch die Stadt . . . spielt auf den Kla- 
vieren der Kesselhäuser und Fördertürmen das letzte 
Hosiannah ... die Sinfonie der Freiheit ! 

Der Mann mit dem roten Halstuch 

(Brüllt die Arbeitermarseillaise und reißt die beide;i Ar- 
beiter hinaus.) 

Sebastian 

(Nach einer Pause): 
Die guten Feuer brennen sie empor . . . Und Nacht 
wird aufgegrellt. Doch daß danach der Morgen 
kommt — : Wie dreh ich jetzt das störrische Ventil? 

Herrmann Weißbluth 

(Mit fast irrsinnigem Stöhnen): 
Kann es noch Strafen außer diesen Geißeln geben? 
Blut gab ich für Kot. Und das Geschick meines Erben 
der; Räude preis . . . Weh . . Weh! 

Sebastian : 

Du stolperst schon über die erste Stufe ins Alier- 
heiligste? 

Herrmann WeiEblvth : 
Weh . .Weh! 

Sebastian : 
Dein Herz müßte frohlocken, nun der eiserne Ring 
voH Deiner Brust sprang! 

45 



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Herrmann Weißblnth: 

Sprich den Fluch endhch zu Ende! 

Sebastian : 

Zehn Gebote schlug Moses in Tafeln aus Stein. Du 
übertratst sie alle. Keine Strafe bleibt Dir geschenkt. 

Herrmann Weißblnth: 

Ich beuge noch meinen zerräderten Nacken Dir. 
Hau zu : Henker und Hieb ! 

Sebastian : 

Nichts geschieht durch Menschen .... alles aus 
GoU! 

(Geht zum Schaltbrett, dreht die Hebel zurück. Fünf grüne 
Flammen leuchten auf.) 

Herrmann WeißbÜith 

(Springt in rasender Wut auf den Oberingenieur, will ihn vom 
Schaltbrett zurückreißen): 

Sie haben mit falschen Karten gespielt . . . nicht 

grün ... ha : rot ist immer noch Trumpf ! 

Sebastian 

(Stößt ihn zurück. Steht, in übermenschliche Gestah sich 
reckend, mit ausgebreiteten Armen vor dem Schaltbrett): 

Recht so : Rot hat seinen Triumph noch nicht dahin ! 

Den Heizer und die Arbeiterin Maria . . noch Deinen 
Sohn kaufst Du . . . ewiger Makler, mit Deiner alten 
Beredsamkeit nicht zurück! 

Aber jetzt giert ein Gehirn durch zwei Löcher nach 
Geld. Und bleibt vor der Türe stehen! 

Dein Blut ist meins ! 

(Will durch die Flügeltür hinaus. Vier Polizisten brechen 
vor.) 

Der Anführer: 

Im Namen des Gesetzes: verhaftet! 
(Hält den Haftbefehl hoch.) 

Sebastian : 

Wer wies mit dem Finger auf mich? 

46 






Der Anführer: , , 

Steckbriefe lügen nicht! 

(Drei Polizisten packen Sebastian.) 

^ Sebastian : 

Schuldig allein ist das Gesetz. Ich werde der 
Schlange den Kopf zertreten. 

(Wird abgeführt.) 

Pause. 

Herrmann Weißbluth: 

Könnte man . . . mit dieser kommenden Stunde 
, . . . Jahrhimderte überdauern! 
(Windet sich auf dem Boden mit schmerzhaft verzerrten Augen) . 

Viola 

(Blond, hohe schlanke Figur, ganz in Schwarz, lange weiße 
F*erlenkette herunter, kommt durch die Flügeltür. Geht an 
Herrmann Weißbluth, wie im Schlafwandel, vorüber. Nimmt 
auf dem mittleren Stuhl, links am Tisch, Platz. Alle Lampen über 
dem Tisch flammen auf): 

Das Gefängnis war schaurig. Eine freche Person 
spie mich an. Kindsmörderin . . . Brandstifterin .... 
Kann ich dennoch Vater nennen, der solche Brut hoch- 
züchtet? 

Herrmann Weißbluth 
(Ohne sich vom Boden zu erheben): 
Kann ich noch Kräfte bäumen da es über mir 
jammert? 

Viola: 
Du Alter hast mich schlecht genährt. Geziefer nagt 
an meinen Zehen. 

Der Bankier 

(Zylinder, Gehrock, gepflegter Spitzbart, kommt durch die 

Flügeltür. Geht an Herrmann Weißbluth wie an einem Kadaver 

vorbei. Setzt sich links neben Viola): 

Der Augenblick, der diesem schmählich Gefallenen 

ein Freund war, stirbt vor Schande über das verruchte 

Verbrechen. Stirbt an der offenen Luft und frißt als 

^böses Eitern weiter. 

47 



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Viola: 

Die Leuchter seines eigenen Blutes waren immer 
hinter seinem Rücken. Kann neben diesem fürchterlichen 
Rechenfehler noch ein anderer sein in seinem Begehren ? 

Herrmann Weißbluth: «^ 

Ich würde mich als Letzter triefend an den Maschi- 
nen stellen, nähmen sie als Freund mich auf. 

Der Bankier: 

Der Fall ist klar : Sie, meine Gnädigste, als einzig 
Ueberlebende in diesem Selbstmörder-Begräbnis, setzen 
die Unterschrift unter das Entmündigungsprotokoll. 

Herrmann Weißbluth: 

Michael . . . Michael .... wach auf! 

Viola : 

Auch dieser Schrei beweist wohl, Herr Geheimrat, 
den Absturz ins Tiergefleckte .... 

Der Bankier: 

Gewiß. Zudem sind Mauern und Eisen um jenes 
Zuchthauslachen gestellt. 

Viola: 

Vortrefflich! Nehmen Sie das zu den Akten. " 

Herrmann Weißbluth 

(Wie aus weiter Ferne her, sprechend): 

So lebt gehängt an jedem meiner Finger was meines 
Denkens Wesen war als Rest. Es wird jetzt Antlitz- 
form und saugt sich fest in mein Gehirn. 

Viola 

(Mit verzogenem Lächeln): 

Aasgeier brechen schon nieder .... 



48 






Der Seelsorger 

(Fett, bartlos, hochgeknöpfter schwarzer Rock, kommt durch die 

Flügeltür, stolpert, ohne sich umzusehen, über Herrmann Weiß- 

bluth. Setzt sich links neben Viola): 

Konnten Sie, Schwester im Herrn, diesen bitteren 

Gang mir nicht ersparen ? Soll Gott noch Güte streun, 

wo die Hölle bis an die Altäre emporschäumt ? Es gibt 

Sünder, die drehen Gottes schmerzlich gebeugtem Haupt 

noch den Strick! 

Viola : 

Hier kann nur ein Urteil vollzogen werden! 

(Rührt die Tischglocke.) 

(Vier Anstahsdiener in weißen Leinenkitteln treten. ein . . . 
stellen sich mit verschränkten Armen hinter Herrmann Weiß- 
bluth auf.) 

Der Seelsorger : 

Der Herr Vater hat schon lange meine Predigten 
bespien. Aus seinem Christen -Tag ist er herabgestiegen. 
Ein aufgelesener Kerzenrest erleuchtet der engen Stiege 
Weg in dieses Rohr des Pöbels, durch das ein zähes 
Wasser fließt, geschleiften Schmutz verwandelnd in Ge 
stank. 

Herrmann Weißbluth J 
(Mit gurgelndem Röcheln): 

Alles ist verklungen. Rissen die Saiten ? Schmeichelt 
eine Tochter noch die Eistropfen von meinen Schläfen 
fort? Stehen Mauern aus Rechtschaffenheit und Ge- 
rechtigkeit um die Goldkörner meines Schweißes? Führt 
mich eines Mittlers Tröstung und Weisheit in Gottes 
Vaterarme ? 

Viola : 

Der Sessel stürzte. Die, die er mit seinem Fall tr- 
niedem wollte, waren auf der Hut . . . das ist seine 
tiefste Zerknirschung! 

Hemnann Weißbluth: 

Meine Kehle zerpreßit und zerschlagen: wo ist die 
Kühle, die mich umfängt?! 

Verbrüderung 4 4^) 



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Die Leuchter seines eigenen Blutes waren immer 
hinter seinem Rücken. Kann neben diesem fürchterlichen 
Rechenfehler noch ein anderer sein in seinem Begehren ? 

Herrmauin Weißbluth: < 

Ich würde mich als Letzter triefend an den Maschi- 
nen stellen, nähmen sie als Freund mich auf. 

Der Bankier: 

Der Fall ist klar : Sie, meine Gnädigste, als einzig 
Ueberlebende in diesem Selbstmörder-Begräbnis, setzen 
die Unterschrift unter das Entmündigungsprotokoll. 

Herrmjuin Weißbluth: 

Michael . , . Michael .... wach auf! . 

Viola : 

Auch dieser Schrei beweist wohl, Herr Geheimrat, 
den Absturz ins Tiergeflecktc .... 

Der Bankier: 

Gewiß. Zudem sind Mauern und Eisen um jenes 
Zuchthauslachen gestellt. 

Viola: 

Vortrefflich! Nehmen Sie das zu den Akten. ' 

Herrmajin Weißbluth 

(Wie aus weiter Feme her, sprechend): 

So lebt gehängt an jedem meiner Finger was meines 
Denkens Wesen war als Rest. Es wird jetzt Antlitz- 
form und saugt sich fest in mein Gehirn. 

Viola 

(Mit verzogenem Lächeln): 

Aasgeier brechen schon nieder .... 

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Der Seelsorger 

(Feit, bartlos, bochgeknöpfter schwarzer Rock, kommt durch die 

Flügeltür, stolpert, ohne sich umzusehen, über Herrmann Weiß- 

bluth. Setzt sich links neben Viola): 

Konnten Sie, Schwester im Herrn, diesen bitteren 

Gang mir nicht ersparen ? Soll Gott noch Güte streun, 

wo die Hölle bis an die Altäre emporschäumt? Es gibt 

Sünder, die drehen Gottes schmerzlich gebeugtem Haupt 

noch den Strick! 

Viola : 

Hier kann nur ein Urteil vollzogen werden! 

(Rührt die Tischglocke.) 
(Vier Anstahsdiener in weißen Leinoikittein treten. ein . . . 
stellen sich mit verschränkten Armen hinter Herrmann Weiß- 
bluth auf.) 

Der Seelsorger: 

Der Herr Vater hat schon lange meine Predigten 
bespien. Aus seinem Christen-Tag ist er herabgestiegen. 
Ein aufgelesener Kerzenrest erleuchtet der engen Stiege 
Weg in dieses Rohr des Pöbels, durch das ein zähes 
Wasser fließt, geschleiften Schmutz verwandelnd in Ge- 
stank. 

Herrmann Weißbluth 

(Mit gurgelndem Röchehi): 

Alles ist verklungen. Rissen die Saiten ? Schmeichelt 
eine Tochter noch die Eistropfen von meinen Schläfen 
fort? Stehen Mauern aus Rechtschaffenheit und Ge- 
rechtigkeit um die Goldkörner meines Schweißes? Führt 
mich eines Mittlers Tröstung und Weisheit in Gottes 
Vaterarme? 

Viola : 

Der Sessel stürzte. Die, die er mit seinem Fall er- 
niedem wollte, waren auf der Hut . . . das ist seine 
tiefste Zerknirschung! 

Heirmann WeiBbluth: 

Meine Kehle zerpreß^t und zerschlagen: wo ist die 
Kühle, die mich umfängt?! 

Verbrüderung 4 4^^ 



]'-r:-^^MrX^-^f^^^....^ 



Dti Bankier: 

Dein Gott-loses Jahr verdampfte zu Gift! 

Der Seelsorger: 

Des Aases ekler Dunst zermorscht die Knochen. 

Herrmann Weißblath 

(Schluchzend) : 
Aus der Geltung der Welten verloren .... 
Michael — : räche mich! 

Der Bankier: 

Das Testament auf den Sohn wird angdochten ! 

Der Seelsorger: 

Ehrliches Begräbnis wird abgesprochen! 

Herrmann Weißbluth: 

So wird nun mein Gehirn zu meiner Gruft! 

Viola, Bankier und Seelsorger 

(Mii uhrenhaft schnarrenden Stimmen): 

Hoch brennt die Hölle, 

Schwefel schüttet sich aus. 

Sieh Dich nicht um, 

der Du noch gläubig bist. 

Riesle zu Staub, 

der Du schon Asche bist! 

Hoch brennt die Hölle. 

Herrmann Weißblath: 

Gott . . . Gott! 
(Wird von den Anstaltsdienem aufjfdioben und lautlos ab- 
geführt) 

Viola: 

Jetzt halte ich den Glockenstrang in meinen Händen 

Stützt mir die Arme, Freunde, daß ae Sieg 

donnern ! 
« Vorhang. 

50 



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DIEi)RITTE STATION 



(Ein halbes Jahr später). 

Ackerbetrieb der Strafanstalt. Rechts im Hintergrund die 
kaltweißen Mauern der Anstalt. Links im Hintergrund, v.'ie im 
Nebel fast, die Schote und Riesen-Gasometer der fabrikstadt. 

Vordergrund links: uralter Birnbaum. 

Breite des Hintergrundes: Brachland. Sträflinge schwingeii 
schwere Rodehacken. Aufseher hocken auf Haufen gerodeten 
Unkrautes, Gewehre umgeschultert, Nilpferdpeitschen neben sich. 

Vorn rechts ziehen Sträflinge primitive Pflüge. 

Quer von links nach rechts harter Feldweg. 

Michael: 

(Anstaltskittel, barfuß, kahlgeschoren, zerfurchtes junges Ge- 
sicht, zieht mit Sträfling Selwstian den Pflug. Sträfling, der den 
Pflug lenkt, läßt plötzlich halten. Kurze Pause. Leiber der 
Pflugzieher recken sich): 

Sieben Furchen gezogen — : eine Stunde verklungen. 

Wieviel Stunden noch, Sebastian? 

Sebastian 

(Die schwarze Hülle des verletzten Auges wie ein schreckliches 

Mal): 

Das Brandmal zeigt noch viertausend an. Rott 

Rauchw^olken über der Stadt aber keine hundert mehr! 



Michael 

(Mit einem scheuen Aufblick nach der Stadt): 

Idi seh nur Rauchfahnen Grau auf Grau! 



1*^ 



Sebastian : 

Wöin der Posaunenstoß, der geschwellt war den 
Anfang der Welt einzuläuten, vor diesem verfluchten 
Acker sich erbrach — : 

Das neue Dröhnen wird sich durch Eisen fressen! 



51 



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Der dritte Sträfling' 

(Wälzt einen schweren Siein aus der Furche des Pfluges): 
Hoffnungen lärmen nächtelang die Strohschütten 
entlang. Erkennen schweigt vor diesen Hintergründen. 

Michael : 

Wie umnebelt steht doch der Trost : Du wirst! 

Sebastian : 

Ich bin Dir nahe! 

Michael : • 

Deine Kraft, von zehntausend Stunden mehr be- 
lastet, als meine noch zu schleppen braucht, hebt meine 
Adern aus dem Zerfall ins Licht. 

Der dritte Sträfling: 

Aus Sträflingen von gleichem Stoff wie wir, wurde 
gute Tat vor einem Jahr geworfen. Hat dieses Mühen 
uns in die lichte Welt gehoben? 

Sebastian : 

Warst Du schon gut? 

Der dritte Sträfling: 

Ich hasse mich und meiner Laster Schwären. Sie 
quellen aus der Haut herauf. Sie sind mein Gut. 

Ich verirre mich nicht mehr. Aus Irrem kam ich 
ja zum Weg. 

Sebastian: 

Da sinkt die großgewordene Zahl erworbener Lei- 
denswiederkehr ins unbewußte Tal, wo schon das Wort 
vergessen liegt, das diesen Ort verekelnd nennt: Asyl 
der Qual ! 

Michael : 

Welch ein guter Wind um mich ! 

Sebastian : 
Hier leben wir, was unerahnbar war, das Glühn . . . 
das : Auf-der-Welt-sein froh einander an. 

52 



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Der Aufseher (im weißen Bart) : 

(Mit aufstampfenden Schritten heran. Schwingt die Peitsche 
Aber alle drei, die langsam wieder sich in das Ackergerät 

spannen): 

Tagediebe . . . Weiberschnauzen . . . Fallbeilkandi- 

datcn . . . Zug — : Hü-hott! Zug — : hü-hott! 

(Der Pflug wühlt tiefe turchen auf.) 

Michael 

(Im Aechzen noch skandierend): 

Auf . . . der . . . Welt . . . sein . . . 

Der dritte Sträfling: 

Fluch . . . Fluch . . - Fluch . . ! 

Sebastian : 

Hinter uns . . . hinter uns . . . 

Michael 

(Bricht nieder . . . brüllt): 
Schlägt die Welt kein Mitleid über uns? 

Der Anfseher (im weißen Bart) 
(Schwingt die Peitsche): 

Tagediebe . . . Weiberschnauzen . . . Fallbeiikandi- 
idaten . . . Zug — : Hü-hott! Zug — : Hü-hott! 

Michael 

(Wirft sich lang auf die Erde): 

Mutter . . . Mutter . . . 

Sebastian : 
War härter noch als Dein Vater .... 

Der Anfseher (im weißen Bart) 
(Ratlos, Läßt die Peitsche fallen): 

, Tapfer sonst wie keiner hier .... willst Du die 
paar Stunden, die Du noch abzubrummen hast, Dir mit 
feuchtem Arrest verdunkeln lassen? 



53 



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Sebasfiaa 

(Schirrt sich aus der Zugsiele): 

Tropft endlich der Stein, der Deine Brust ausfüüt, 
Henker? 

Der Aufseher (im weißen Bart) : 
Kusch Dich, zottiger Hund! 

Sebastian 

(Beugt sich über Michael): 

Ein schmales Leuchten, Bruder, kam manche Zeit 
in Deine Schlucht . . . Kannst Du Dich nicht mehr 
erinnern daran? 

Der Aufseher (im weißen Bart) : 
Schleppt den Schwächling in den Schatten des 
Baumes. Du, Sebastian, bürgst mit Deinem Kopf für iluL 

(Sebastian und dritter Sträfhng tragen Michael unter den Baum. 
Häufen Gras zu einem stützenden Kopflager). 

Sebastian : 

Michael .... Bruder . . . das Harte bricht, und 
'svirft auf Dich die Brüche. 

Der Aufseher (im weißen Bart) 
(Stützt, sich breitbeinig auf das Gewehr): 

Auch Du, Sünder, säßest nicht hier, wären Deine 
Hände, so wie diesem, durch Deiner verlausten Kinder 
Haar gegangen. Muß dieser Ort erst Tiere zu Menschen 
machen ? 

Sebastian : 
Was weißt Du, Peitschenstiel, von unser Aller 
Schuld? 

Der dritte Sträfling: 
Wo sind wir denn schuldig? 

Der Aufseher (im weißen Bart): 
Fast bin ich blind geworden vom Spiegel Eurer 
gehäuftenn Strafakten. 

54 









^*^^^i\;/Ä'' -^^^ -■^•'- ■ -'-^ ',*■ ■ -':: ■: r::f .• :• ■" *- , -rv/v -• -^; •?:;' ; .. ; ' ^'^-tr'.-'^^^S^:"' 



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Sebastian: > 

■ Ich fühle meine Glieder stark! 

,V ,1 ■ 

I Michael 

(Fieberad): 

O laßt mich endlich ein in Euch und speit 

die alte Seele ffrt. 

Der Aufseher (im weißen Bart) 
(Berührt den Fiebernden mit den Stiefelspitzen): 
Träumt von den Millionen seines Alten . . . Reue 
kommt zu spät! 

Sebastian : 
Reue ist Wahn ! 

I Der Aufseher (im weißen Bart) : 

- -' Wer wagt an der Hausordnung dieser Anstalt zu 

rütteln? Kennst Du das Geheul der Zwangsjacke noch 
nicht? 

Michael : 
Der Brückensteg betrügt ... Du fällst ... Du wirst 
nicht mehr nach oben tauchen ^ . 

Sebastian ^ 

(Kniet zu Häupten Michaels): 
Wenn Deines Willens wirklicher Wind sich hier 
erhübe, kein Baum wäre stark genug zu trotzen. 

Der dritte Sträfling: 

Gute Luft . . . wie lange nicht mehr geschluckt! 

Der Aufseher im weißen Bart: 
Deine Kühnheit macht mir die Hand nach der 
Peitsche jucken . . . Schlüge ich nicht zu — : Deines- 
gleichen würde auf der Straße nach meinem ehrlichen 
Gesicht langen. 

Sebastian : 
Es ist keine Täuschung. Hinter Deiner Härte höre 
ich Zartheit zittern. Schlag zu, wenn Du Deiner Tränen 
Dich nicht schämst vor uns. 

55 




i-SiÜ&i^ii'-:ii!;i' j.,.;.. ■/.. ■ ..^ ;-t.,'^, ^.-'tji.A ..-.,^: .- . ■ : . . • - . - . >: .,■ . j'^Jh3ä6äfc*& 



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■%. ; -r. .:y'r,f'.,^^p^^f;^fr^^'J^jf!pir* 



Michael 

(Fast singend vor heißem Fiebertrautn) : 

Sommer . . . Nachtigallgeschmetter ... die alte 
üartenbank ... es muß das gleiche Holz sein, das mich 
stützte .... da ich weit in Dämmerung träumte . . . 

Der dritte Sträfling: 

Ein linder Schatten fällt aus bleichen Räumen. War 
es doch Regenbogen endlich. 

Der Aufseher im weißen Bart : 
Dich weich zu sehen, alter Sünder, rieselt wie Eis- 
stücke über meinen Rücken ... es wetterleuchtet irgend- 
wo ... ich muß die Patronen lockern! 

Sebastian : 

Darf auch diesen nicht das Wunder steil umsprühn ? 

Der Aufseher im weißen Bart 

(Mit einem jähen Blick auf die weiter hinten ohne Arbeit da- 

steheÄlen Sträflinge): 

Das kann mich die Tressen am Kragen kosten ! 

(Schwingt die Peitsche, schiebt den dritten Sträfling nach vorn 
zu den plötzlich die Geräte wieder schwingendn Sträflingen): 

Tagediebe . . . Weiberschnauzen . . . Fallbeilkandi- 
daten . . . Zug — : Hü-hott . . . Zug — : Hü-hott! 

Pause. 

Michad 

(In langsamem Erwachen): 

Frischer . . . kühler >J7ind . . . Tauwind . . . Früh- 
lingswind Ist das Eis geschmolzen? 

Sebastian : 

(Starrt nach der gehetzten Straflingsgruppe): 

Man müßte Dich einsingen mit diesem Windgeruch ! 
.56 



Michael: 

Nicht einsingen . . . wachsingen . . . starksingen 
. . . . freisingen! 

Sebastian: 

Du bist noch am Fuße des Berges, von welchem 
Hilfe kommt. 

Michael 

(Richtet sich mühsäiig empor): 
Ich habe mich durch alle Dornenhecken der Erde 
gezwängt — : sieh, meine zerbluteten Hände. Sieh, 
meine vereiterten Füße . . sieh, meine zerlassenen Augen 
. . . mein zerdachtes Haar . . . 

Der Aufseher im weißen Bart 
(Die hintere Sträflingsgruppe wütoid antreibend): 

Tagediebe . . . Weiberschnauzen . . . Fallbeikandi- 
äaten . . . Zug — : Hü-hott! Zug — : Hü-hott! 

Sebastian : 

Aber vorher Dein Leben . . . ? Sahst Du, von 
Demes Vaters Blutgeld durch tausend Narrenspiele ge- 
teieben, je einen Menschen, der nicht wußte wohin er 
sein Haupt zur Nacht legen konnte, fluchzuckend ver- 
recken? Schlug durch Deine Ohren dann ein donner- 
dunkles Läuten? 

Michael 

(Mit nach innen gestarrtem Blick): 

Schneeballschlachten von Mauer zu Mauer — ! 
Blieb ich nicht Sieger? 

Sebastian: 

Unehrlicher Kampf . . . Sklavenkinder . . . Herren- 
•ohn! 

Michael : 
Immer stieg Mein Windvogel über alle anderen in 
Üe Wolkenberge. 

Sebastian: 
Kaufte Dein Vater nicht alle Seilerläden leer an 
Schnur? 

57 






Michael: 

Ungenifen kam Rosa, die Jungfer, in mein Zimmer 
und tanzte nackt vor dem großen Spiegel. 

Sebastian : 

Sahst Du auch die Striemen, Schulter und Schenkd 
herunter? Deine Mutter schlug jedes vom Glasschrank 
nicht weggeputzte Stäubchen mit Lederpeitschen von der 
Mädchen rosigen Haut herunter. 

Michael : 

ich schlug mich durch hundert Mensuren und präsi- 
dierte im Corps. 

Sebastian : 

Die Weine, aus den Kellern Deines Großvaters noch, 
knallten alle Konkurrenz zu Scherben. 

Michael : 

Mein Examen lief durch keine Presse ... 

Sebastian : 

Und der Staat schielte zu früh nach der brutalcH 
Ader auf Deiner Stirn. 

Michael 

(Lange nachdenkend): 

Wenn nicht Zerline gewesen wäre . . . 

Sebastian : 

Deine erste g^te Tat! 

Michael: 

Sie verdoppelte meinen Wechsel mit ihrem Lina»- 
fieber. 

Sebastian : 
Bedenke, daß ihre Mutter sie mit kalten Kartoffdn 
auf- und großgezogen hat. 

58 



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Michael 

Sie lehrte mich die erste schamlose Lüge. 

Sebastian : 

Ihre Nächte aber schüttelten Rosenbüsche über 
Deine nimmersatte Tierheit. 

Michael: 

Sie führte meine Hand, als ich die Unterschrift 
fälschte. 

Sebastian: 

Dein Vater zahlte nur, was er ihren Brüdern tau- 
sendfach aus dem süßesten Blut gezapft hatte. 

Michael 

(Mit aufsteigender Wildheit): 

Sie spie meinen Vater an, als er mich von Ihrer 
Habsucht loskaufen wollte. 

Sebastian : 

Sie erkannte mit Recht die Larve des Henkers hinter 
dem Almosen. 

Michael : 

Sie tanzte, da mich die Häscher ins Eisen legten, 
auf dem kleinen runden Birkentisch, Fandango! 

Sebastian : 

Und soff noch in derselben Nacht ihre Zuhälter 
unter den Tisch. Warf Deine zerfaserten Briefe und 
Bilder auf den Misthaufen. 

Der Aufseher im weißen Bart 
(Mit immer lauterem Lärmen über die hinteren Sträflinge): 

Tagediebe .... Weiberschnauzen . . . Fallbeilkandi- 
daten . . . Zug — : Hü-hott ! Zug — : Hü-hott ! 

Pause. 

59 




-.-.£.'^.':#b>Ni < -.. ..^^4k.jAifci>^a^.^ 






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Michael 

(Wieder zusammengebrochen): 

Gibt es in der Fabrilc meines Vaters einen Arbeiter, 
den er wilder hassen muß wie mich? 

Sebastian : 

An der Verderbtheit seines eigenen Fleisches er- 
kannte er erst seine Härten wider unschuldig vom Schick- 
sal Zermarterte. * 

Michael : 

Ich will mich, wenn unsere letzte Kettenstunde ge- 
schlagen hat, vor ihm niederwerfen und mich zu seinen 
letzten Dienern gesellen. 

Sebastian: 

Der verlorene Sohn fände, wäre alte Kraft noch 
Weltgesetz, einen Vater heute, der das beste Kalb aus 
seinen .Ställen schlachtete und dem wiedergefundenen 
Sohn zum Freudentanz aufspielen ließe von den Hunger- 
geheulen zerräderter Heizer. 

Michael: 

Ich bin verloren, wenn ich nicht in der Gegenwart 
leben darf. 

Sebastian: 
Deine Schuld macht noch die Zukunft grau. 

Michael: 

Ich erriet in langen Nachtträumen — : als eine 
Schuld wurde ich gefühlt, da ich klein war . . , Darum 
will ich nun, wirklich schuldig und groß geworden, 
dem mühsälig Alternden eine Segnung werden! 

Sebastian: 

Noch bist Du nicht wahr. Spielst nur mit Dir. Hüllst 
Dich in das Gefühl, das sich breitet und glaubst, daß 
Du fühlst .... und trägst doch nur den Mantel der 
Gefühle. 



60 



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Michael : 

Mein Leben durfte so wenig Wirkliches in sich 
hineingewinnen, daß ich e§ immer füllen mulke mit mir. 
Außer mir wurde mir nie eine Welt. So habe ich mich 
an jedem meiner Tage, damit mir etwas in ihm ergreifbar 
und er tragbar werde, hinausgegeben und verschleudert. 

Sebastian : 

Und der langsam üraugesyordene, dem Dein 
Werden, in der ihm Angetrauten, vergrämt hatte, wurde 
fast irre in der Wut darüber, daß Du, Unnötiger da 
warst und sein Haus mit Schande und Schmach be- 
schriest? 

Michael : 

Er konnte mich nicht töten! 

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Sebastian 

(Mit harter, anklagiider Stimme): 

Aber vernichten . . . etwas vernichten mußte er. 
Dein Körper konnte es nicht sein. So wurde es irgend 
ein Ding ... ein Mensch .... eine ganze Menschen- 
klasse die er hinwarf, daß sie zerschellte auf bösem 
Boden. Auf den Scherben konnte er stehen ... nie 
wankend . . . tapfer gegen sich und alle . . . streng wie 
ein Steinbild und nur an die Rache, ... an den Gewinn 
aus der Rache denkend. 

Michael : 

Jetzt will ich nur mein Ungewisses. Es werde, was 

da wird, zu seinem Ende. Es fülle sich das Gefäß des 

Lebens. 

Sebastian : 

Du wirst es wollen müssen. Wirst Dich darum 

zerteilen müssen. Und wirst es auch erlangen, von mir 

nach aller Freude auch noch den Schmerz Dir werbend. 

Michael : 

Aus Schmerzen bin ich ja zu Dir gekommen. Und 
Du warst gut und gabst mir Schein. 

61 



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Sebastian : 

Der neue Weg soll durch Dich selber gehn. Er wird 
beschwerUch, steil und steinig* sein. Er strebt aus Deiner 
Tiefe, in der Du jetzt bist, in dieser Enge höher. 



Pause. 



(Voü den unsichtbaren Feldern links her einbiegend in dea 
weg, der im Vordergrund der Bühne an dem Birnbaum vor- 
überführt, kommt mit schwermütig schleppendem Oang, singend 
ein Trupp weiblicner Strätiinge): 

* Ein Bauernmädchen ging zur Stadt, 
das Aepfel zu verkaufen hat, 
von wegen rulala, dirulala, diru, dirulala. 

Sie ging die Straße wohl auf und ab: 
wer kauft mir meine Aepfel ab? 
von wegen rulala . . . usw. 

Ein reicher Herr gegangen kam, 
der ihr die Aepfel all abnahm 
von wegen rulala . . . usw. 

Ei ei mein Kind, das wundert mich, 
die Aepfel sind ja säuerlich, 
von wegen rulala . . . usw. 

Nein nein mein Herr, Sie irren sich; 
mit sauren Aepfeln hand'l ich nicht, 
von wegen rulala . . . usw. 

Ihr Mädchen, nehmt Euch wohl in acht 
daß man Euch nicht zum Tambfbur macht 
von wegen rulala . . . usw. 

Denn hebt Ihr erst die Trommel an, 
kriegt Ihr im Leben keinen Mann 
von wegen rulala . . . usw. 



* Altes Volkslied. 



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Michael 

(In dem Augenblick des Vorüberzugee der Weiber, auf- 
gesprungen und von einem Fieber abermals geschlagen): 

Rosa . . . Rosa . . . Rosa! 

(Es löst sich Maria-Magdalena aus dem Zuge . . . steht 
adnindenlang starr vor Michael und reclrf beide Arme empor. 
Wird von den Aufsehern weitergeirieben. Verschwindet mit 
oEen letzten, singend Ziehenden.) 

Pause, 



Sebastian 

(Eieht Michael rasch zurück. Setzt sich, des Fiebernden Hand- 
gelenk fest umklammernd, neben ihm): 

Ist es nur Erinnern , . . ? 

Michael: 

Erinnere Dich an nichts ! habe ich schon oft und laut 
»1 mir gesprochen; aber alles ist so, daß es immer 
wieder, rasch, überrumpelnd, aus irgend einem Winkel 
des Gehirns aufsteht zur Greifbarkeii — im Hellai oder 
kn Traum : gleichviel ! , 

Sebastian : 
Eine GeschickUchkeit, die EHr fehlt, ist die — : 
„Verzicht'* zu sagen ! 

Michael: 

Viele tun es. Sie nehmen einen Menschen, der in 
äirem Leben ist, aus diesem heraus wie ein Ding, das 
man aus der Tasche holt und auf die Handfläche legt, 
am es fortzuwerfen. 

Sebastian: 

Du sahst in diesem Spiegel Dein eigenes Bild! 

Michael : 

Geht nicht immer einer hinter mir, der mit den 
Knöcheln seiner Finger auf meinen Rücken klopft, so, 
daß ich meine Knochen klingen höre? 

63 




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Ja .. ja ... Ich will ciiesem Tönen entfliehen, das 
jener sich aus mir holt. Ich gehe rascher; er aber bleibt 
doch hmter mir und immer ist das Knöchelklopfen und 
das Knochenklingen .. . . Werde ich einmal still stehi 
und mich zu ihm wenden? 

Und stößt es gleich, ehe ich antworten kann, ei» 
spitzes, dünnes scharfes Messer, nahe der linken Achsel 
mir in die Brust? 

Sebastian: 

Dem entfliehst Du niemals . . . denn beides bist 
Du — : seitdem Du endlich erkannt hast, wie sehr Du 
Mensch bist auf Erden. 

(Aus der Stadtferne her knallen Schüsse, die über die SträJ- 
linge weiter hinten Unruhe bringen.) 

Michael : 

Mußt Du noch immer so in mir wüten? Ja; wüten* 

Sebastian : 

Was habe ich denn anderes zu tun? 

Der Aufseher im weißen Bart 

(Schlägt wütend auf die rebellischen Sträflinge ein. Brüllt wie 

in Betrunkenheit) : 

Tagediebe . . . Weiberschnauzen . . . Fallbeilkandi- 
daten . . . Zug — : Hü-hott ! Zug — : Hü-hott ! 

Michael : 

(In unnatürlicher Ekstase): 

Bruder Sebastian — : Eil! Eil! Eil! 

Sebastian: 

Wären sie alle versammelt und ich unter ihnen — 
ich müßte vor der Gräßlichkeit des Nichtzusammea- 
klingens ihrer Arten fliehn . . 

Die Stunde ihrer Erweckung muß noch reifen! 

Michael: 
O, wie das Blut braust! 



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Gedulde Dich! 



Michael: 

Ich will sie anführen! 



Sebastian : 

I>ie Fäden werden irgendwo gesträhnt, die als ein 
neues Seil Dir bald die Hand umklammem werden. In 
Härterem, als Du Dir jemals träumtest, bedarfst Du eines 
Führers; denn der Sand, auf dem Du gehen wirst, ist 
grob und groß und dem zerklüfteten Bergab des Glet- 
schers gleich. 

(Die Schüsse aus Gewehren und Pistolen schallen näher und 
näher.) 

Michael: 

Posaunen über den Bergen! 



"VI. 



Sebastian : 

Begrabene Flinten werden wieder brauchbar 
Dieser Ausgang ist nur ein Eingang. 



Alle schuldlos 



Michael : 

. Frei Blick in Blick! 



Sebastian : 

Gedulde Dich . . . Deine Stunde springt erst an! 
(Soldaten rasen mit knatterndem Feuer über das Feld der 
Anstalt zu.) 

Michael: 

Wir verdorren! 

Sebastian 

(In starrem gotthaftem Erhobensein): 

Menschen glühen und zerbrennen Menschen! 

Michael 

(Mit ausgebreiteten Armen) : 

Ha, es züngelt schon die Flamme! 

Verbrüderung 5 0SI 



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Ja .. ja ... Ich will üieseni Tönen entfliehen, das 
jener sich aus mir holt. Ich gehe rascher; er aber bleibt 
doch hmter mir und immer ist das Knöchelklopfen und 
das Knochenklingen .. . . Werde ich einmal still stehi 
und mich zu ihm wenden? 

Und stößt es gleich, ehe ich antworten kann, eüi 
spitzes, dünnes scharfes Messer, nahe der linken Achsd 
mir in die Brust? 

Sebastian : 

Dem entfliehst Du niemals . . . denn beides bist 
Du — : seitdem Du endlich erkannt hast, wie sehr Du 

Mensch bist auf Erden. 

(Aus der Stadtienie her knallen Schüsse, die über die Sträl- 
linge weiter hinten Unruhe bringen.) 

Michael : 

Mußt Du noch immer so in mir wüten? Ja: wüten* 

Sebastian : 

Was habe ich denn anderes zu tun? 

Der Aufseher im weißen Bart 

(Schlägt wütend auf die rebellischen Sträflinge ein. Brülll wie 

in Betrunkenheit): 

Tagediebe . . . Weiberschnauzen . . . Fallbeilkandj- 

daten . . . Zug — : Hü-hott! Zug — : Hü-hott! 

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(In unnatürlicher Ekstase): 

Bruder Sebastian — : Eil! Eil! Eil! 

Sebastian : 

Wären sie alle versammelt und ich unter ihnen — 
ich müßte vor der Gräßlichkeit des Nichtzusamme»- 
klingens ihrer Arten fliehn . . 

Die Stunde ihrer Erweckung muß noch reifen! 

Michael : 

O, wie das Blut braust! 

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SdNistian: 

Gedulde Dich! 

Michael : 

Ich will sie anführen! 

Sebastian : 

Die Fäden werden irgendwo gesträhnt, die als ein 
neues Seil Dir bald die Hand umklammem werden. In 
Härterem, als Ehi Dir jemals träumtest, bedarfst Du eines 
Führers; denn der Sand, auf dem Du gehen wirst, ist 
grob und groß und dem zerklüfteten Bergab des Glet- 
schers gleich. 

(Die Schüsse aus Gewehren und Pistolen schallen näher und 
näher.) 

Michael: 

Posaunen über den Bergen! 

Sebastian : 

Begrabene Flinten werden wieder brauchbar . . . 
Dieser Ausgang ist nur ein Eingang. 

Michael : 

Alle schuldlos .... Frei Blick in Blick! 

Sebastian : 

Gedulde Dich . . . Deine Stunde springt erst an! 

(Soldaten rasen mit knatterndem Feuer über das FeW der 
Anstalt zu.) 

Michael: 

Wir verdorren! 

Sebastian 

(In starrem gotthaftem Erhobensein): 

Menschen glühen und zerbrennen Menschen! 

Michael 

(Mit ausgebreiteten Armen): 
Ha, es züngelt schon die Flamme! 

Verbfüderung 5 95 



Sebastian' 

(Redet die Rechte beschwörend in das plötzlich aufbrennende 

Zuchthaus) : 

Füg aus Deinen Armen eine Klammer, 

öffne Deines Feuerlebens Höhle, 

daß in sie, vor Freude hart, ein Hammer 

Freuden ramme, bis die edlen Oele, 

die vom Blut uns jetzt bereitet werden, 

endlich fließend sich einander mischen, 

niedertropfen und mit Zischen 

Steine wecken — : daß sie rufen über Stern und Erden 

durch beglänzten Tag und schwarze Nacht — : 

Herr, es ist vollbracht! 

(Arbeiter, und befreite Sträflinge vom Zuchthaus her, 
stürmen von rechts über den Acker und entwaffnen die mit 
Gewehrschüssen Widerstand leistenden Aufseher.) 

Der Aufseher im weißen Bart 

(Von Kugeln zerlöchert, im Niederstürzen): 

Ich bin nicht ich! 

Sebastian 

(Eilt in wilden Sprüngen den Kämpfenden zu): 
Menschen . . . Brüder . . . ! 

Michael 

(Will ihm nacheilen. Wird von verirrter Kugel in den Arm 

getroffen. Schleppt sich, während die Szene mit einem violetten 

Dunkel gefüllt wird, unter den Baum zurück. Wimmert): 

Ausgestoßen . . . Ausgestoßen . . . O Fluch! 

Stimme des Sebastian 

(Im Femen verhallend): 
Menschen . . . Brüder .... 

Michael: 

Ich höre nur Töne eines dimklen Spieles . . . 
Ich höre wieder .... 
Ist es nur Erinnern? 

Pause. 
(Mit langsam ansteigendem Licht bescheint Mond die Szene.) 

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Sebastian ' 

(Reckt die Rechte beschwörend in das plötzlich aufbrennende 

Zuchthaus): 

Füg aus Deinen Armen eine Klammer, 

öffne Deines Feuerlebens Höhle, 

daß in sie, vor Freude hart, ein Hammer 

Freuden ramme, bis die edlen Oele, 

die vom Blut uns jetzt bereitet v/erden, 

endlich fließend sich einander mischen, 

niedertropfen und mit Zischen 

Steine wecken — : daß sie rufen über Stern und Erden 

durch beglänzten Tag und schwarze Nacht — : 

Herr, es ist vollbracht! 

(Arbeiter, und befreite SträfHnge vom Zuchthaus her, 
stürmen von rechts über den Acker und entwaffnen die mit 
Gewehrschüssen Widerstand leistenden Aufseher.) 

Der Aufseher im weißen Bart 
(Von Kugeln zerlöchert, im Niederstürzen): 

Ich bin nicht ich! 

Sebastian 

(Eilt in wilden Sprüngen den Kämpfenden zu): 
Menschen . . . Brüder . . . ! 

Michael 

(Will ihm nacheilen. Wird von verirrter Kugel in den Arm 

getroffen. Schleppt sich, während die Szene mit einem violetten 

Dunkel gefüllt wird, unter den Baum zurück. Wimmert): 

Ausgestoßen . . . Ausgestoßen . . . O Fluch! 

Stimme des Sebastian 

(Im Femen verhallend): 
Menschen . . . Brüder .... 

Michael : 

Ich höre nur Töne eines dunklen Spieles . . . 
Ich höre wieder .... 
Ist es nur Erinnern? 

Pause. 
(Mit langsam ansteigendem Licht bescheint Mond die Szene.) 

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Maria Magdalena 

(Au.; dem Schatten, den der Birabaum breit über den Acker 
tuscht, wie ein scheues Wild aujttauchend) : 

Hier traf es mich . . . Auge, das meine Träume in 
k<üter Zelle verwüstete. 

Michael 

(Mit leisem, von der Verwundung aufbrechendem Schmrz- 

seufzer) : 

Ich höre wieder . . . 

Aber wohin mit dem Kreuz, das mir dieses Abend- 
wunder aufbürdet . . . ? 

Maria Magdalena 

(Nähert sich dem Baum): 
Wie kann ohne Erfüllung meines tausendfachen 
Traumes mein Sieg vollkommen werden? 

Michael : 

Ich kann mit dem geschulterten Kreuz nicht vor 
meinen Vater treten .... 

Wird er überhaupt noch sein? Unten ist endlich 
oben! Und wer hoch stand, wird am tiefsten gefallen 
sein. 

Maria Magdalena 

(Beugt sich über den vor Schmerzen Fröstelnden. Schreckt, da 
sie tief in seine Augen gesehen, zurück): 

Er ... ? Wie mich das trifft! 

Michael : 

Das war nicht Deine Stimme, Sebastian! 

Maria Magdalena: 

* Die Dich liegen ließen, feuern Paläste in den 
Himmel! 

Michael 

(Richtet sich auf): 

Willig will ich mein Kreuz tragen! 

8» 67 



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Maria Magdalena: 

Dein Schreien soll erhört werden! " , 

Michael 

(Faßt ihren Kopf, sucht, in den Spiegel ihrer Augen tauchend, 

verklungene Gestah): 

Als ich nach einem Erkennen die Nächte durdi- 

heulte, erhörte Eine wie Du mein Rasen! Und ging 

wortlos ... ich sah sie nie wieder! 

Maria Magdalena: 

Der See spie ihren Körper, der keine Seele mehr 
hatte, wieder aus. 

Michael 

(Mit spukhaftem Erschrecken): 
Qualvolle Erscheinung ... 

^ Maria Magdalena: 

Deine Reue war kein Wahn! 

Michael 

(Stützt mit der unversehrten linken Hand den zerlöcherta! 
rechten Arm empor): 

Ich will die Armut dieser Opferin weiterleben loit 

dieser zerbluteten Segnung ... 

Maria Magdalena 

(Reißt das weiße Kopftuch herunter. Verbindet ilie Wunde): 

Du unterwarfst Dich lange genug grausamen Ge- 
setzen und entsagtest dem Lebendigen .... Darum wird 
Dir .... so Du Wort hältst, geholfen werden. 

Michael : 

Ich weiß nicht wer Du bist . . . Und ich muß DicM 
lieben .... ich bin zu furchtsam um in Dein Gesicht . . . 
hinter Deinen Augen das Innen zu sehen. Aus Neugier 
nicht und nicht aus Angst — : vielleicht Schreckliche* 
zu hören, frage ich Dich nicht, was einmal war, und 
untenhin vielleicht noch werden mag. Ich habe unter 
meine Wünsche keine Hoffnungen gebunden und wenn 
doch noch eine herauswachsen sollte, schneide ich sie ab. 



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Maria Mag^dalena: 

Ich will Dich in den Aufgang der Sonne entführen 
. . . . dort entscheide Dich! 

Michael : 

Ich kann Dir nicht mehr sein, als ich mir selber bin, 
und das ist wenig, wenn ich Dich betrachte. 

Maria Magdalena: 

Du hast noch immer Vergangenheiten ... Du er- 
innerst Dich ... Du wirst Vergleiche stellen. Ich darf 
mich aber nicht Deinen Frauen, von früher, anreihen . . . 

Michael : 

Ich will ärmer sein, als der Hund, der vor meines 
Vaters Türe hockte. Darum will ich mein Herz noch, 
das schwer von Glücksschauer wiegt, zerteilen . . . 

Maria Magdalena: 

Ich bin abgeschabt . . . zerkratzt und zerrissen. An 
den spitzen Kanten meines Daseins wird Dein Arm sich 
zum zweiten Male blutig krümmen! 

Michael : 

Wie zerrisse ich mein Gefühl in jubelnde Töne, 
wäre ein Zweiter neben mir, der mir ganz gleich wäre . . 

Jene, die mich heute hier manchmal umschrien, sind 
keine mir gleichen. Sind zu sehr gleich, als daß Einer 
aus ihnen I c h sein könnte. 

Maria Magdalena: 

Ein Holzklotz, der gespalten werden soll, preßt 
sich noch knapp vor dem Hieb auf seine größte Härte 
zusammen. Auch ein Mensch duckt sich vor dem Er- 
eignis, wenn er es kommen- fühlt, oder sich vorbereiten 
sieht. 

Michael: 

Daß ich doch sagen könnte — : Dir befehl ich mich, 
Du wirst mir hdfen. Du siehst mir zu, mag ich tun was 

69 






ich will. Etwas von mir liegt wortlos und mittelpunkt- 
still. Und das bist Du! 

Maria Magdalena: 

Ich hatte lange eine unklare Vorstellung von dem, 
was Mann und Weib einander sein können . . . Furcht 
vor dem Einander mit einem Schwächeren hat mich zur 
Kindsmörderin gemacht ..... 

Selbst Du, wenn Du so zu mir sprichst, wie sehe« 
andere vor Dir sprachen, bist noch zu hart .und fest wie 
ein Stein, der nach meinem Geschlecht schlägt. 

Michael : 

Ein Mensch, manchmal schon ein Wort, eine 
Wärme, ein Hauch, sind wie ein Steinchen in einem 
Wirbel, das Dir plötzlich den Mittelpunkt anzeigt, um 
den Du Dich drehst .... 

Wir könnten ein Gemeinsames . . . wir müßten 

Gütiges tun. i* »« ^ i 

* Maria Magdalena' 

(Mit verfinsterter Stimme): 
Was .... was nennst Du gemeinsame Tat — : die 
Lust der ersten gemeinsam durchtobten Nacht? Den 
Klang der Kette von Deinem zu meinem Verbrechen? 
Den Schwur — : Deiner und meiner Väter Sünden an 
der ganzen alten Menschheit zu rächen? 

Michael: 

Es ist das, was ich immer noch nicht ganz zu ver- 
stehen glaube und wonach wir gemeinsam suchen 
sollten. ^^jj^ Magdalena: 

Du schreist in mein heiligstes Ergrimmen hinein! 

Michael : 

Ich weiß viel und nichts von dem, was geworden 
ist, seit mich die Polizisten aus dem Beginn des Krieges 
.... aus memen Freuden tempeln rissen. Aber sage mir 
doch, was vor sich ging, sag mir, durch die Spiegel 
Deiner Augen gesehen, was das ist . . . das neue, heilige, 
Mensch-auf-Erden-sein ! 



70 



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Maria Magdalena 

(Mit alter Leidenschaft im Unterton): 

Einst hatte das geräderte Volk der Gasse Angst: 
Herr der Welt zu werden .... 

Jetzt ist es Herr geworden . . . 

Auf Mauern aus Brand, Barrikade und Mord wölben 
sich die Dächer der Verbrüderung. Ich l^e die erste 
Lunte an der noch trotzenden Milüonen-Schanze, aul 
der . . . Dein Vater .... hockte! 

Vielleicht brannte er selber zu Kasch und Asche . . . 

Vielleicht schwebte er endlich hoch: zu uns . . . 
zu uns! 

Vor den Kesselfeuern wartete lange eine Lücke auJ 
seinen Ann . . . 

Letzter Aufmarsch begann. 

Willst Du dort hinein mit mir den Sprung tun? 

Michael 

(Mit vor Schauer umflorter Stimme):' 

Oft schon sprach das Leben so . . v 

Aber einmal ün Hunger sein und nichts mehr haben 
von der Kraft des Metalls, das alle schätzen .... Ich 
fürchte diese letzte Armut nicht ! 

Maria Magdalena: . 

Und könntest Dich zu dem letzten Bettler unter 
den Brückenbogen legen? 

Michael : 

Führe mich dort hin. 

Maria Magdalena: 

Und könntest Deinen letzten Rock ausziehen und 
seine Blöße damit decken? 

Michael: 

Führe mich dort hin! > 

Maria Magdalena: 

Und könntest Dich für ihn zerfetzen lassen von den 
großen Hunden der Wächter? 



71 



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Michael: 

Führe mich dort hin ! 

Maria Magdalena: 

Wohin schlüge da der Puls Deines Herzens? 

Michael : 

Nicht Buße . . . nicht Gutmachen . . . nicht Blenden 
. . . nicht Erster — : 

Liebe schlage in Flammen empor! 

Maria Magdalena: 

Ich habe das lange als eine Schuld in mir gefühlt. 
Sie war mir mein Verbrechen an Dir; verzeih, Bruder! 

Michael 

(Erhebt sich . . . stützt Maria Magdalena mit der Kraft 
seines unversehrten Armes): 

So werde es mein . . . Und mit Dir will ich diesen 

aufgewühlten Tagen ihr Gebilde geben. Ich habe Mut 

zu mir. Ich will meine Teile, in die ich in langen 2^iten 

zerbröckelt bin, '^wieder zusammensetzen. 

Maria Magdalena: 

Nicht Du . . . nicht ich werden binden, was zu- 
sammen streben mag. 

Der, der unsere Hände ineinanderfügen soll, darf 
nicht mehr Dein Vater . . . darf nicht mehr mein Feind 
heißen ! 

Michael 
(Mit feuriger Beschwingtheit): 
ich schlage durch dieses Meer die Furt! 

Maria Magdalena: 

Tag .. . mein endlicher Tag — : flamme auf! 

Michael : 

Flammender, freudiger Ton! 

(Beide entwandem Hand in Hand, und von breitem Moad- 
licht begossen, quer über das Feld der Stadt zu.) 

Vorhang. 
72 




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DIE VIERTE STATION 



Kesselhaus. Wände und Estrich mit weißen Fliesen aus- 
gelegt. Linke Seitenwand: Drei Feuerungen. Davor in Ver- 
fiehing die Kohlenbunker. Laufbrücke. 

Rechte Seitenwand: Schmale Eisentür ganz vom. Rohr- 
leitungen und Ventile in blankem Messing. Zwei Eisenbänke, 
Waschtrog mit fließendem Wasser. 

Hinterwand: Zwei Riesenfenster, quadratisch m eisenaus- 
gegittemden Scheiben. Etwa 50 X 50 cm zerteilt. An jedem 
Fenster zwei Scheiben in Mannshöhe offen. 

Michael 

(In der Montur der Werkleute. Das zerfetzte Hemd zeig^ die 

rechte, muskelbeschwerle Schulter. Schürt mit dem großen Eisen 

die Feuer vor den drei Kesseln): 

Heiliger Fluch — : Schweiß und Härte zu schmecken 

wie süße Frucht des Südens. 

Mann in rotem Halstuch 

(Hände in den Taschen, lungert am Eingang links. Raucht): 
Du hast trotzdem gute Fürsprecher gehabt. 

Michael : 

Leer kam ich an. Jeder Zufall hätte mich kaufen 
können. 

Mann in rotem Halstuch: 

Auf Deine Schulter ist ein Mal gebrannt. 

Das stachelt Gendarme und Pfaffen immer noch. 
Wir aber ehren diesen Orden alter Jusitz. 

Michael : 

Oben stehn und unten knien wird immer und überall 
sein! 

Mann in rotem Halstuch: 

Kein Werk steht im Bezirk, das so völlig uns allen 
gehört wie dieser Bau . . . eine Ehre, hier zu schuften ! 

73 



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Michael: ^ 

Wahr ist, daß hier Gerichtstag vollzogen wurde. 

Mann in rotem Halstuch: 

Der vor Dir an diesen Kesseln stand, versuchte Frei- 
heit zu behindern . . darum traf ihn zuerst der Hieb. Den 
zweiten, härteren Bösewicht fressen schon die Mäuse an. 
Das dritte Vieh ist ein Weib. Ich spieße das Ungeheuer 
mit meinem Schnurrbart auf .... Wer will uns noch 
hindern? 

Michael : 

Ich suche die Gnade in Schwielen und im Schmerzen 
der Glieder. 

Mann in rotem Halstuch : 

Du kannst, wenn Dein Herz ganz zu uns herüber- 
geblutet ist, in den Betriebsrat gewählt werden. Nichts- 
tun und fette Diäten (reibt sich die Hände) sind kein 
schlechter Himmel auf Erden. 

Michael : 

Versuche nicht Dein Schicksal . . . Wind und Welle 
tönen durch jede Stunde anders. 

Mann in rotem Halstuch: 

Nach uns — : meinetw^en wieder Blut-Orkane. 
Aber wir . . . wir haben gelebt! 

Viola 

(Durch großes, braunes Kopftuch, das bis herab zu den Knieea 
reicht, fast unkenntlich gemacht, tritt herein): 

Bitte! 

Mann in rotem Halstuch 

(Tritt, ironisch lächehid, beiseite): 
Eine Geliebte auch schon, Michael? He? Eine Ge- 
hebte? Pack zu. Vergeude ihre Stunde nicht. Auf das 
Haar stiebt früh genug Frost! 

(Pfeifend ab.) 

74 




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Michael 

(Verwundert aufblickend): 
Maria .... Magda .... lena? 

» Viola 

(Zeigt mit schneller Bewegung das ganze Gesicht) 

Auch die könnte ich werden, Bruder, stündest Du 
als Herr mit der Geißel hier ! 

Michael 

(Stützt sich auf die Eisenstange): 
Ich habe Dich nicht gerufen, Schwester! 

Michael 

(Stampft mit den Füßen auf): 
Betrogener, Narr und Knecht — : Du verkennst die 
Gewalt der von uns noch verhaltenen Mächte ! 

Michael 

(In kalter Ruhe wachsend): 
Ich diene .... mir selber. Darum Allen! 

Viola: 

Du bleibst in dieser wahnwitzigen Idee? 

Michael : 

Solange diese Feuer durch mein Blut strömen, knie 
ich mich empor — : unnennbar Menschen- 
tum! 

Viola 

(Stimme weicher färbend): 
Deine Strafe war hart, ja! Und wie ein Grab so 
finster . . . aber jetzt ist genug gebüßt! 

Michael : 

Seit wann ist Brudertum der Tat — : Buße?! 

Viola : 

Wenn Du Dich noch Bruder nennen magst, warum 
nicht zu mir . . zu mir? 



75 



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Michael : 

Warum nicht Du zu mir, Schwester? 

Viola : 

Erfülle erst Pflichten! ' 

' Michael: 

Wo erfülle ich nicht Pflichten?! 

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Viola : 

Nicht hier . . . das Hirn der Fabrik lahmt . . . 

Stemme Deinen Schädel als Fahne über diesen zer- 
rütteten Bau und posaune Befehle. Ich schlage Dich mit 
Deinem Namen! 

Michael : 

Befehl und Seufzer der Schwielen sind hier brüder- 
liche Einheit geworden! 

Viola 

(Mit dumpf grollendem Ton): 

Wüßte Dein Vater um dieses hündische Geduck 
seines Erben vor den falschen Propheten: er steckte mit 
Fauchen seinen Kopf aus der Verbannung. 

Michael 

(Stößt mit ansteigender Wut die bislang oSen gestandenen 

Feuerlöcher zu): 

Weiß er wer und w o ich bin ? 

Viola: 

So schwer kann Wahnsinn seine Augen nicht ge- 
schlagen haben, daß er nicht bleich werden würde, Dich 
als verdreckten Knecht zu sehn. 

Michael 

(Wieder aufrecht, das Schüreisen wie einen Spieß haltend): 
Ich fühle aber: Er stände Schulter an Schulter mit 
mür vor den Kesseln, wären Deine Wächter nicht um 
ihn mit klammerndem Eisen. Wo Du Irrsinn wähnst, 
flackert inbrünstiges Erkennen. 

76 







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, Viola 

(Herrisch): 
' Was er erkannte ist: Dumpfheit des Blutes. Jetzt 
täuscht er sich Hunger vor an vollen Schüsseln und Durst 
an überlaufenden Krügen. Er hockt neben seinem 
Daunenbett auf kalten Fliesen und hält sich durch Sing- 
sang der Gassenlieder und Nachplappern der Pöbelgebete 
den Teufel vom Leib. 

Michael 
(Schmerzhaft zusammenschauernd) : 
Entsetzliche Knute von Deinen Händen ge- 
schwungen] 

Michael: 
Ich nehme die volle Schuld auf mich ! 

Michael : 

Und treibst uns doch nicht zurück in den Kot. 

Viola : 

Muß ich Dich daran erinnern, woher Du kamst? 
Eine kleine Weile noch und unsere Reiterscharen stampfen 
die wildgewordenen Maden zu Brei ! 

Michael 

(Mit leise lächelnder Betonung): 
Ich halte mich jede Stunde bereit . . . 

Viola : 

Du plusterst Dich mit unausgewogenen Idealen auf 
und rückst die Gloriole des Märtyrers wie eine Pelzkappe 
in das Gesicht, damit ich das Flackern Deiner Augen, das 
irre Zucken Deines Mundes nicht sehe, nicht die Seufzer 
aus dem Untersten Deines Herzens herauf fühle. Du 
legst Dich zu dem verdorbensten Weibe der Stadt und 
bangst dennoch, mir die Hand zu reichen, weil meine 
gewaschen ist und beschmutzt werden könnte von dem 
Unflat der Hinterhäuser .. . Das vergiftete Blut Deines 
Vaters verleugnet sich nicht in den Schwären auf Deiner 
Stirn. 



77 



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Aber die feinen Härchen auf Deiner Zunge 
schmecken, belüge Dich nicht ! (Michael stößt einen 
heiseren Zischlaut aus) unterbrich mich nicht — 
schmecken höhere Tafelfreuden und den Ehift von Zir- 
kusreiterinnen .... 

Michael: 

Wie kannst Du Unmensch anders leben, als auf den 
Qualen der Unterdrückten Dich wiegend! 

Viola: 

Du besitzest dieses Gelächter der Verkommenen 
sicherlich nicht mit Vergnügen. Aber es i^t teuflische 
Zuckung durch Deine Adern, die Dich verflucht . . . 
verflucht ! 

Michael: 

Wäre es kein anderer Schrei . . . noch der nach dem 
Frei-Sein meines Vaters wäre mir Feuer, Dich auf Schei- 
terhaufen hochzuzüngeln. 

Viola 

(Ganz überlegen): 
Bedenke, daß Du ihn ungefährlicher retten kannst. 

Michael : 

Wenn Du den Wächtern die Zungen herausge- 
schnitten hättest, könnten sie nicht stummer sein. 

Viola : 

Das Stichwort kann erworben werden ... 

Michael : 
Welchen Preis — Blutwucherin — forderst Du? 

Viola 

(Ganz nahe zu Midiael): 
Im . . . Direktionszimmer . . . gähnt die Leere eines 
Thrones .... 

Michael: 
Rechtmäßige Erben thronen schon . . . 

78 



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Viola: 

Die Enden der Stricke, die sich um ihre aufge- 
blähten Hälse schon legen, halte ich in diesen Fäusten! 
(Ballt die Fäuste hoch empor.) 

Michael : 

Es dunkeln Gewalten über Deinen Fäusten .... 

Viola : 

Alles ist käuflich .... 

Michael : 

Eher setze ich Sprengpatronen an diese Kessel! 

Viola: 

Damit nähmst Du mir die schwerste Arbeit ab. 
Könntest Du Dich nur — aber aus anderen Motiven — 
dazu entscheiden. 

• Michael 

(In aufbrechender Wut, schlägt mit dem Schüreisen nach Viola): 

Bestie! 

Viola 

(Mit behender Geschicklichkeit dem Stoß ausgewichen): 
Feiglingüberall! 

Michael 

(Wie unter einem Schlag zusammengeduckt): 
Weh . . . mein Puls schlägt noch Feindschaft! 

Viola 

(Wieder näher gekommen): 
Spürst Du schon Reue . . Bruder? 

Michael : 

Es gibt nur einen Weg . . . und der steigt steil 
nach oben .... 

Viola 

(Mit suggestivem Flüstern): 
Du bist für die gerade Linie . . . ? Gut; ich zeige 
sie Dir auf: mein Sekretär steht mit Auto und Koffern 

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79 



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bereit .... Paß wird Dir an der Grenzstation ausge- 




händigt . . . Eine Million bei amerikanischen Banken 


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hinterlegt ... 




Michael 




(Wie ein Tier aufheulend): 




Flucht? Flucht . . . ? Verruchteste Flucht? 


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Viola : 


1 


Ich warte auf Dein Ja . . . oder Nein! 


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Michael 

(Sich das Haar raufend): 
O Netz . . . darin mein Herz wie ein hohlgesc^enes 
Insekt zu Asche stäubt! 

Viola: 

Sprich weiter so . . . sprich — : Ja! 

(Beugt ihr Gesicht tief zu Michael herüber.) 

Michael • 

(Ermannt sich langsam wieder . . ganz ruhig schon): 

Gäbe ich der Wage den Schwung nach unten oder 
oben — : was hülfe das Deiner Seele? 

Viola 

(Mit bösem Gelächter): 

Seele? .... Seele? 

Michael : 

Es ist ein letztes Lachen in Dir . . . Wehe! 

Viola : 

Triumph-Gelächter ! 

Michael : 

Du bist schon überwunden! 

Viola 

(Standhaft): 
Mein Sekretär wartet noch . . Auto . . . Koffer . . . 
Paß . . . Amerika — : Kommen Dir nicht alte Traumge- 
stalten näher . . . ? 



80 



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Michael: 
lieber alle Reichtümer preise ich : A r m sein! 

Viola 

(Wandert erregt auf und ab): 

Du Hahnrei in staubiger Zelle . . . hörst Du nicht 

draußen die Gelächter über soviel Entmannung Deines 
Gehirns? 

Von ihren Peitschen wie ein Hund dressiert durch 
die zwanzig Reifen der Dummheit zu springen? 

Michael : 

Leer bin ich in dieses Haus getreten . . . meine Ver- 
wandtschaft mit diesem Bau welkt mit dem Gras der 
Spaziergänge zwischen jenen vier Mauern, die Tor 
wurden zu meinem Ich herunter. 

Daß ich so wurde, war Deine erste gute Tat. 

Viola 

(Dreht sich auf den Hacken herum . . mit neuem Kampfton): 
Endhch kommst Du mir näher! 

Michael : 

Ich war Dein Feind nie! 

Viola: 
Darum bitte ich Dich jetzt — : 

Michael : 

Sprich auch das Letzte zu Ende. 

Viola : 

Du willst Deinen Namen ablegen? 

Michael: 

Die alten Gewalten dieses angeerbten Namens legte 
ich sichtbar genug ab. 

Viola 

(In leisem Triumph): 
Dann .... verzichte auch auf die Dir lästige 
Fessel des Erbteils! 

Verbrüderung 6 81 






bereit .... Paß wird Dir an der Grenzstaticm ausge- 
händigt . . . Eine Million bei amerikanischen Banken 
hinterlegt ... 

Michael 
(Wie ein Tier aufheulend): 
Flucht? Flucht . . . ? Verruchteste Flucht? 

Viola : 

Ich warte auf Dein Ja . . . oder Nein! 

Michael 

(Sich das Haar raufend): 
O Netz . . . darin mein Herz wie ein hohlgesc^ene« 
Insekt zu Asche stäubt! 

Viola : 

Sprich weiter so . . . sprich — : Ja! 

(Beugt ihr Gesicht tief zu Michael herüber.) 

Michael • 

(Ermannt sich langsam wieder . . ganz ruhig schon): 
Gäbe ich der Wage den Schwung nach unten oder 
oben — : was hülfe das Deiner Seele? 

Viola 

(Mit bösem Gelächter): 
Seele? .... Seele? 
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Michael: 

Es ist ein letztes Lachen in Dir . . . Wehe! 

Viola : 

Triumph-Gelächter ! 

Michael : 

Du bist schon überwunden! 

Viola 

(Standhaft): 
Mein Sekretär wartet noch . . Auto . . . Koffer . . . 
Paß . . . Amerika — : Kommen Dir nicht alte Traumge- 
stalten näher . . . ? 



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Michael: 
lieber alle Reichtümer preise ich : A r m sein! 

Viola 

(Wandert erregt auf und ab): 

Du Hahnrei in staubiger Zelle . . . hörst Du nicht 

draußen die Gelächter über soviel Entmannung Deines 
Gehirns ? 

Von ihren Peitschen wie ein Hund dressiert durch 
die zwanzig Reifen der Dummheit zu springen? 

Michael : 

Leer bin ich in diesLS Haus getreten . . . meine Ver- 
wandtschaft mit diesem Bau welkt mit dem Gras der 
Spaziergänge zwischen jenen vier Mauern, die Tor 
wurden zu meinem Ich herunter. 

Daß ich so wurde, war Deine erste gute Tat. 

Viola 

(Dreht sich auf den Hacken herum . . mit neuem Kampfton): 
Endhch kommst Du mir näher! 

Michael : 

Ich war Dein Feind nie! 

Viola: • 

Darum bitte ich Dich jetzt — : 

Michael : 

Sprich auch das Letzte zu Ende. 

Viola : 

Du willst Deinen Namen ablegen? 

Michael: 

Die alten Gewalten dieses angeerbten Namens legte 
ich sichtbar genug ab, 

Viola 

(In leisem Triumph): 
Dann .... verzichte auch auf die Dir lästige 
Fessel des Erbteils! 

Verbrüderung 6 81 



> .T'l •■y'TW!:'! 









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Michael: 

Ist schon geschehen . . . Schwester! 

; Viola: 

Nicht vor dem Gesetz! 

Michael : 

Ich durfte um den Preis meines Erbes der letzte 
Diener dieser Werkstatt sein I 

Viola : 

Du hast ein Linsengericht, das Dir nur als eine Sage 
Eigentum war, verschachert. 

Verfügung über diese Million besitze ich ! 

Michael 

(Mit kalter Gelassenheit): 
Und dennoch forderst Du von mir? 

Viola : 

Der Defekt in Deinem rechnerischen Denken .... 

Michael : 

Langt noch soweit, daß ich hier satt werden kann . . 

« 

Viola 

(Reißt ein Papier hervor): 
Dann unterschreibe . . . ! 






Michael 

(Mit verwundertem Aufblick): 

Ist das Ich ein Wert ? 

Viola 

(Packt mit langsamem Näherrücken Michaels Arm): 
Unterschreibe . . . und Du kannst die Maxime Deiner 
Freunde ohne Seelenschaden zuende leben. 

Michael : 

Was m-^inst Du damit? 



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82 









Viola 

(Im Toiifall Michael kopierend): 
Du wirst unendlich frei sein .... 

Michael : 

Höhn' mich nicht! 

Viola: 

Es ist nicht das, weswegen Du den Haß Deiner 
Genossen zu fürchten brauchst . . . Diese Tat wird 
Dich zum Führer emporseilen .... 

Michael: 

Was heißt Dir und Deinesgleichen Führer sein . . . 

Viola 

(Drückt Michael den Schreibstift in die Hand. Mit suggestivcf 

Kraft): 
Dieser gekrümmte Finger gibt Deinem Hirn die 

Gewalt — : Christus zu übertreffen! 

Michael 

(Stöhnend) : 
Wie klein . . . wie schmutzig zeigst Du Dich ! 

Viola: 

Ich werde, obsiegt Deine Sippe, jenseits des Landes 
mich rein baden. 

Michael : 

Und Dein . . . und mein Vater? 

Viola: 

Unterschreibe I 

Michael 

(Erschauerad): 
Bist Du denn kein Mensch mehr? Verstehst Du 
nicht, daß es sich nebenbei um — meinen, wenn es Deiner 
nicht mehr ist,. Vater handelt? 

Viola 

(Eiskalten Hohnes): 
Wenn weiter nichts im Wtge steht als dieser soge- 
nannte Vater?! 



83 



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Michael 

(Reißt mit jähem Aufspning das Papier an sich und wirft es tn 
den Kachen aer heuerung. Schreit): 

Wer hier zu richten kommt, ist schon gerichtet! 

Viola 

(Kippt in ein hysterisches icniuchzen. Bricht zusammen): 
Blutschänder . . Blutschänder ... 

Pause. 



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Michael 

(Stützt sich, wie unter heftigen Schmerzen, den Kopf): 
Tauchst Du ins Licnt aus scnreckhchem Sumpf? 
Wie dauert mich Dein zerstäubtes Gewissen! 

Viola: 

O dunkle Regenwolken über mir .... 

Michael 

(Steigt aus de»! Bunkern herauf): 
Zerknirsche nicht diese letzte Stunde, Schwester! 

Viola 

(Wimmert stetig): 
Bezwungen . . . angekettet . . . geschändet ... 

Michael 

(Hebt, von tiefem Mitleid aügelriebcn, die noch immer am 
Boden tobende Schwester empor): 

Erfülle Dich tief mit der hohen Lust der BrüderUch- 
keit — und Dein Herz wird von dem alten Gift ge- 
sunden .... 

Viola ' 

(Mit zerbrochen tönender Stimme): 
Was bleibt mir anderes nocü, als mich zu dem 
schmutzigsten Diener meines Vaters zu legen . . . 

Michael : 

An seiner Reinheit wirst Du genesen! 



84 



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Viola: 

Wenn das Erwachen nicht wäre vor jedem Ateoi' 
wind seiner zerbrochenen Zähne . . . 

Michael: 
Du wirst auch schnarchen und dick werden. 
Heute schon gehst Du mit zehn ungeborenen Kindern 
um, tauchst Deine Hände in Windelwasser imd knüpfst 
Leinen dmch den verblakten Lampenabend. 

Viola: 

Weh mir! 

Michael: 

Was einst an Dir ausgemessen wurde . . . « wird 
nochmals gemessen. 

Viola: 

Mir graut vor meinen Händen! 

Michael: 

Falte sie bereuend in die kaltgewordenen Deiner 
Mutter. 

Viola: 
Deutlicher stand nie Buße auf einer Stirn 



• • • 



Michael : 

Gute Schwestern werden Dich trösten! 

Viola 

(Lösi sich aus Michaels Armen): 
Ein Brückensteg ist noch zu passieren. 

Michael: 

Der Eckstein ist von allen Gräbern gewälzt! 

Viola: 

Wie gleichgültig ist das . . ich habe als Schicksal 



^ nur meine Gedanken noch. 



85 



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Michael: ' 

Du wirst höher schweben als mein geflicktes Er- 
kennen .... 

Viola: 
Wer weiß um die Schatten, die mir noch alle übel- 
wollen! 

Michael : 
Hier, meine Hand 

Viola 

(Stößi ihn von sich): 

Noch nicht! 

Michael 

(Schüttelt den Kopf. Springt in die Bunker hinunter. Zu Viola 

heraufsprechend) : 

Bald wird Erlösung. Auch Dir . . . auch Dir! 
(Reißt die Feuertüren auf.) 

Viola : 

(Mit herabgebeugtem Haupt dem Ausgang zu): 
Noch nicht .... 

' Sebastian" 

(Rußgeschwärztes Gesicht, zerfetzte Montiir, von außen her ■ 
kommend, vertritt Viola den Weg): 

Du erinnerst Dich? 

Viola 

(Zusammenzuckend): 
Wer. . . Wer? 

Sebastian 

(Flüsternd): 

Zwischen Fliederbüschen einst, spielte ein Olüh- 
wurmpärchen . . . 

Viola : 
Ich . . . ich kenne Dich nicht ... 

Sebastian : 

Dein Haar fiel schwer und rot auf mein Knieen 
herab .... : - 

86 







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VioU 

(Langsam sich zurückerinnernd): 
Meines Vaters listig aufgelockerter Günstling .... 
ha! . . . Ein Schauem zersägt mich! 

Sebastian 

(Suggestiver) : 

Deine Lippen auf meiner Stirn .... brennen noch 
immer! 

Viola 

(Mit Härte): 

Der Ueberfall auf Deinen von Blindheit umnebelten 

Brotherrn wurde zu spät angezeigt. . . . Drei Monate 

früher: und es hätte Dich in die Schandgrube an der 

Kirchhofsmauer geworfen. 

Wieviel Schuld lastet doch auf meiner zertrümmer-. 
ten Stirn! 

Sebastian : 
Und doch . . . flüsterte Dein Begehren : Liebster? 

Viola 

(Zuckt zusammen): 
Ein Gespenst, ... ein Nichts! 

Sebastian : 

Bis Du wieder in mir zergehst. 

Pause. 

Michael: 

(>3C^irft die Eisenstange mißmutig in den Kohlenraum. . . Reibt 
mit dem Handrücken den Schweiß von Stirn und Hals. Steigt 
herauf und schreitet, ohne das Paar zu sehen, an das offene 

Fenster: 
O erster Schnee . . . . o linde Nacht . . . 
(Beugt den Oberkörper tief atmend hinaus.) 

Viola 

(Mit schwerer Betonung): 
Ich war ganz ehrlich, als ich Dir „Liebster" 



sagte. 



87 






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Heute erst weiß ich, daß ich auch damals spielte ... 
Mir selber log . , . gut log . . . So, daß ich es glaubte. 

Sebastian : 

Vielleicht sahst Du Wandlungen voraus! 

Viola: 
Glaube mir — : ich glaubte es! So war ich wahr 
und unwahr. Ich habe mich überbaut! 

Sebastian : 

Du siehst . . . ich bm njcht das geworden, was 
Dir Aufgabe schien aus mir zu machen . . . "heute . . . 

Viola : 

Du darfst mich nun verachten, weil mir ein solches 
Heute wurde, weil ich mich noch nicht gekannt, als ich 
mir Dich erwählt hatte. Doch tu es nicht. Gib mir 
ein Mitleid, gib mir seine Achtung, gib mir den Gruß 
zurück, den ich Dir zuflüstere in diesem letzten Wort: 
Lebe wohl! 

Sebastian : 

Ist Dein Geflüster keine Lästerung — : Die Be- 
kehrung wäre endliche Morgendämmerung! 

Viola: 

Deinem Wülen wird Raum! 

t (Verläßt schnell den Raum.) 

Pause. 
Sebastian 

(Wie in Erschütterung): 

Bin ich, Kopf, noch auf meiner Stelle? 

Michael 

(Aus dem Fensterloch sprechend): 
Es köimte März sein . . . 

Sebastian 
(Mit schnellem Entschluß bis zur Mitte des Raumes gehend): 



' f.-:' it^&Mä 



^.jfi^-sAi jj^i^&^.^i>^/^k-tä&^' 






Mickael 

IDreht sich jäh herum . . starrt Sebastian, den er in ditMr 
Maske nicht wiedererkennt, lange an . . . dann): 

, Bist Du schon Ablösung, Bruder? 

Sebastiaa :^. 

(Die Frage überhörend): 
' Ein endlich ausgekühlter Samum verließ dinea 
Baum .... 

Michael v 

(Einen Schritt näher): 
Die Frau kam ungerufen . . . . * 

Sebastian: 
Du warst zu hart gegen ein Wesen, das mit ver- 
sehleiertem Blick durch Schatten taumelte ... 

Michael: 

Meine Schwester gab sich zu erkennen ! 

Sebastian : 

Du weißt, daß sie den, der Dich opfern wollte, im 
die Zwangsjacke legen ließ? 

Michael: 

Eisenklammern zerpressen jetzt ihr Herz! 

Sebastian: 

Du weißt, daß sie auch für Dich den riesenhaftn 
Wächter Irrsinn bereit hielt? 

Michael: 

Ich schlug ihr das Messer aus der Hand! 

Sebastian: 

Das heißt . . . Ehi hast auf Namen . . . Erbe . . . 
höhere Glückseligkeit verzichtet . . . ? 

Michael: 
Icl? bin der Letzte im Kreis . . . 

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Sebastian : 

Out. Auch diese Prüfung bestanden! 



Michael 

(Mit verwundertem Kopf schütteln) : 
Ich diene Euch überall ohne Falsch und Hinterhalt. 

Warum Prüfungen? 

Sebastian: 

Rückfälle rasen als Epidemie durchs Land .... 

Michael 

(Pathetisch): 

Könnte ich doch Aufscheinen sein im Land! 

Sebastian : 

Vielleicht könntest Du, als letzte Prüfung, bei 
Deinem Vater beginnen ... Ich nehme nur an : er ver- 
stellt sich. Wenn er wollte, könnte er die alte Sklaven- 
halter-Peitsche wieder über uns schwingen. Aber das 
ist nicht mehr nach seinem Geschmack. Er will nicht 
mehr so selbstverständlich leben ... Er will sich nicht 
durchschauen, vorberechnen lassen. Aus Vernunft spielt 
er den Gemütskranken. Und auch vor einer Stunde, da 
wir ihn befreiten, (Michael zuckt freudig auf) verriet 
er sich mit keiner Miene. Blieb vornehm, zurückhaltend 
und lehnte jede Hilfe ab. Von derselben Maxime, wie 
unsere Gemeinschaft ausgehend, hat er es in der Praxis 
schon viel weiter gebracht als wir . . . 

Michael 

(Mit freudiger Beschwihgtheit): 
Ich will auch diesem Treffen mich stellen . . . 

Sebastian : 

Du darfst diese Nacht den Posten nicht verlassen. 
Deine Ablösung wird, mit Viola vielleicht, die Braut- 
nacht durchtanzen . . . Der Ruß dieses Raumes hat ihr 
Hirn zu sehr nachgedunkelt, als daß sie sich an einen 
betreßten Beamten wenigstens noch klammem könnte . . . 



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Michael 

(Mit angestrengtem Nachdenken): 
Dein Herz . . . Bruder . . . schlägt nicht zum erstea 
Male mir entgegen .... 

Sebastian: 

Schlagen nicht alle Herzen, so sie erkennen, heute 
den gleichen Schlag? 

Michael: 

Unendliche Verbrüderung — : wäre sie doch! 

Sebastian : 

Wir werden erhobenen Hauptes m den neuen Mor- 
gen strahlen! 

Michael: 

Nein, wir dürfen nicht mehr fliehen können! 

Sebastian : 

Wir gewähren, unseren Feinden noch, freien Abzug ! 

Michael : 

Kein Unkraut wird wuchern mehr! 

Sebastian : 

Und wo es wieder aufsproßt, werden unsere Messer 
schärfer schneiden, als die zackigen Sensen der Schlacht! 

Michael : 

Ich segne die Stunde, da ich hell wurde. Mensch- 
heit: Du beginnst! 

Sebastian : 
Höher als alle Freudenfeuer ...... 

Michael 

(Mit erhobenen Händen): 
Mach mich aufbäumen zu Deiner Macht . . 

Sebastian : 

Höher flammt das erlöste Leben ! 



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Die Fabrikarbeiter 

(hn Cbor ziehen draußen vorüber. Ihr Gesang sdultt wie 
Orgelbrausen herein): 

Sebastian 
(Hält Michael, der ins Freie stürmen will, zurfick): 
Du bist noch nicht mündig! 

Michael 

(Taumelt zurück): 

Wann endlich werde ich Leben sein? 

Sebastian : 
Laß alle Kessel auf Volldampf laufen . . . wir werden 
mit dem Feuersturm unserer Herzen die Räder über- 
flügeln müssen diese letzte entscheidende Nacht. 

Michael : 
Heilige Stunde, dieses zu überleben ! 

Sebastian 

(Mit tiefer Wärme): 
Du warst ein gehorsamer Schüler. 

Michael 

■ 41a plötzlichem Erkennen, stürzt sich auf Sebastian und 

umarmt ihn): 

Du . - . Du. Bruder vergangener Schmach ! 

Sebastian : 
Habe ich jemanden je verwehrt, gut zu sein?! 

Michael : 
Weltfreudentag ! 

Sebastian 

(Löst sich aus der Umarmung): 

£s war viel Selbstüberwindung in dem, was Du eben 

sagtest . . . Der freie . . . reine . . . unendliche Schrei 

schalle aus den Verbrüderungs- Armen Aller mit Allen! 

92 



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Michael: 
Ick bin! 

Sebastian 

(Im Fortgehen): 
Bleibe mir treu! 



Pause- 



Michael 

(Lauscht mit vorgebeugtem Oberkörper in den langsam ver- 
hallenden Chorgesang. Nach einer Weile, zu den Feuerungen 

herunterspringend) : 

Und dennoch — : I c h bin! 



Vorhang. 



93 




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DIE FÜNFTE STATION 



Rechts vorn: weiße Fassade mit Sprungbrunnen der Vilk 
dee Herrmann Weißbluth, in laubdüsterem Park. 

Mitte der Bühne: Rasen, und freier Blick auf den Strom. 

Dahinter, betriebsam dampfend, die Fabrik. Und die Stadt 
am anderen Ufer steil herauf. 

Links: Baumgewirr . . . Steinbank . .. Kiesweg zur Villa 

herüber. Es ist frühe Morgenstunde. Sonne kämpft schwer mit 
Oewölk. 

Michael 

(In neuer Werkbluse . . . barhäuptig . . den Blick starr aber 
den Strom. Sitzt auf der Steinbank.) 

Drei Millionen Gold ausgewogen — : 
Das war mein letztes Begräbnis ! 

Wie sich die alten Perrücken der Schlüsselbewahrer 
sträubten ! 

Wie heilig es aufrauschte im Wald der Transmission! 

Unverlöschbar — : Einer für Alle . . . Alle für Einen! 
Bestand ich das gut? 

Ist Befriedigung nicht Besitz noch? 
Ist es nicht heisere Wollust noch, wenn ich mich leer 
zu dea ewig heulenden Kettenhunden lege? 

Gestern ... ja gestern war Anfang der Welt. 

An alle Säulen schlugen es Volksgeläute. 

Von allen Türmen lobpriesen Freudenfeuer den Tag. 

Aber ich, wie war ich klein und zerzaust, anfänger- 
haft laut und vor den Lampen fiebernd. 

Bot ich die Trägheit meiner Muskeln aus, bot ich 
mein lobsprecherisches Herz aus, bot ich den leisen 
Triumphgesang meiner Augen aus? 

94 



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*' .4 Wie unvollkommen noch sind doch die neuea 
Schöpferhände der Welt, da sie mich nicht völlig zer- 
stäubten zu Dung! 

Immer noch kann ich den süßen Geruch der Wald- 
bäume schmecken .... Immer noch mich in den 
Mantel der Wolken falten . . und ein Haus ragt, wo ich 
mich lege, warm und von Bildern, Lampen und dem 
gütigen Lächeln grauer Diener bestrahlt. 

Warum rissen sie das nicht ab von mir ? 

Warum diese Stufe noch? 

O Welt, um Deiner Vollkommenheit willen, hilf mir! 

Pause. 

Heiß wird meine Stirn. Meine Schläfen trommeln 
das schlechte Gewissen herauf — : wozu der Verzicht? 
. (Vom Ufer herauf nahen Männer mit einer Bahre.) 

Michael : 

Unsere Lüge starrt uns aus kalter Wahrheit an! 
(Die Männer setzen die Bahre vor Michael ab.) 

Michael 

(Spring! erschrocken auf): 
Wer sprach hier Gericht? 

Ein Arbeiter: 
Sie war Feindin von Anbeginn unserem Sonntag. 
Dennoch wallte sie gestern als erste im Zug. Und floh 
nun vor dem Letzten .... dem Letzten? 

Ein anderer Arbeiter: 

Die Tat steht über unserem Arm-Sünderblut! 
(Reißt das Tuch hoch.) 

Michael 

(Kniet nieder . . . senkt den Kopf tief herab): 
Unselige Schwester . . . ! 

Ein Arbeiter: 

Der Fluß schwemmte sie ans Ufer . . . 

95 






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Ein anderer Arbeiter: 

Der Sturm schlug sie heran! 

Michael : 

Wie -bin ich zerschunden! 

Ein Arbeiter: 

Sie hatte den trotzigSLcn Stolz von Allen. 

Michael : 

O zerkreuzter Weg des Opfers . . . 

Ein anderer Arbeiter: 

Es kann nicht Feigheit sein .... nein! 

Michael : 

O, meiner Wurzeln Aermlichkeit ! 

Ein Arbeiter: 
Jetzt ist es an Dir: zu sterben, oder ein Gott zu 
werden . . . 

fAlIe Arbeiter heben die Bahre auf und tragen sie links in 
das Dunkel der Sträucher.) 

Michael 

(Taunielt zurück nach der Bank. Stützt tief den Kopf): 

Wo sausen Ruten, daß ich sie in mein Fleisch 
peitschen kann? 

Die große Knospe wird sich nie über meinem Da- 
Sein entblättern — so lange ich noch Lichter hinter mir 
blinken sehe ... die ich nicht angezündet habe . .. . 

Doch Du . . . von dem kühlen Gelächter des Stromes 
Eingesungene — : atmest schon Ewigkeit. 

Was ist jetzt Anfang, Ende, Wiederkehr? 

Was: Weissagung und Jüngstes Gericht? 

Pause. 



(Donner trommeln und Blitze sp.?'l2:i breit das Dunkel. Fern 
wehklagen die NotglocKen.) 

96 



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'Wi^^^^-iy - ■ ' ■■ -%' vj'-a-' -K },■?« 



Ich will abschwören den Hochmut der Armut ... 

Mit Geißeln die Zerknirschung kleinfetzen. 

Mich über Alle wie ein aufgeljlähter Oktobermond 
spreizen .... 

Den Zorn meiner alten Freunde anspein mit 
höhnischer Lästenmg — : 

Seht da meine alte Gewalt über Euch. 

Seht da mein strahlendes Sodom, mein strömendes 
Gomorrha! 

Stimme Sebastians 

(Aus der von schwarzen Wolken und Sturm und Donner 
gedunkelten Ferne) : 

Wohin bist Du gedrungen schon mit Deinom 
inwändigen Gelächter? Noch bist Du 
erschrocken, eitel, imd des Dienenmüssens 
b|wußt. Es ist nicht Tat aus Herzensgrund — : 
Die Räderbahnen, durch Dein Hirn hin donnernd, 
sind außen noch zu sehn . ... als Fluch ... als Lust! 
Du. bist noch Mittelpunkt, bist noch umworben, 
geliebt imd hinten schon dem Messerstich 
entblößt . , . Dein Anhang rechnet gut, doch diese, 
von goldenen Fischen an das Land geschwemmte, 
Arm-Sündeiin durchmaß die tiefe Spur 
zur ewigen Dreifaltigkeit, zeigt auf — : 
Gewölk und Blitz imd Regenbogen, 
der Narren, die sich selber übertreffen! 
Schwemm das Erkennen nicht mit Tränen fort, 
mich freut Dein aufgeblitzter Schrei, doch zeige 
auf Demer Stime glatten Oberfläche 
endlich das Hom heraufgebrochen, jenes Mal, 
das Christus trug, verlacht von zweimal tausend 
üeblosen Jahren . . . Steig' herab vomJCreuz! 
Sei nichts als Mensch . . . Leb' Erdentage, Erdennacht. 
Tanz wieder mit dem frechen Knie durch alle 
Versammlimgshäuser die Gelächter des 
Seiltänzers und d« abgefeimten Schachers. 

Verbrüderung 7 • 97 



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■ "■ ,-• • " -■ " .. ■_■ jt' '■ ' ■• \ 

Und liebe Alle . . . hasse Alle, nicht die Eine, ; 1:1 

die hart Erkämpfte! Hure tausend braune Söhne 

durch tausendfache Betten. Sei Du Herr 

und letzter Knecht zugleich mit einem Atem 

und einem einzigen Gesicht, vor dem 

die anderen Alle stürzen ein zu Asche 

und staubiger Zertrichterung auf glatten 

Chausseen . . Werde Brot und Beulenpest! 

Michael : 

Ich schreite gesenkt ..... 

Stimme Sebastians: 

Bist Du so nahe hoher Vollendung und doch er- | 

bärmlich schon ? . * ^ 

Michael: i ^ 

Wie soll ich mein Verbrechen nennen ? i] 

* 
Wie werde ich es ausmessen, daß es mir aufgeht in 

aller Fürchterlichkeit? '4 

Der Bankier. v f; 

^ -■. 

(In schäbig gewordenem Bratenrock, auf krummgebogenem 

Stock sich stützend, von hnks her aus den Büschen): \J, 

Weh über Dein mißratenes Gehirn. Wie eine Milbe jl 

fraß es durch meine Kassabücher sich und sägte mich "J 

um. Da steh ich nun krumm, nervenzerzuckt und ohne ■^. 

Schlaf • $ 

Weh über Dein mißratenes Gehirn! ,1 

Michael 

(Unbewegt) : 

Branntest Du aus? Mir schmolz Gewinn! 

Nimm was noch flüssig ist. Ueber die Marmor- 
stufen Sternen silberne Ampeln. Triumphiere empor. 
Trinke das Loch Deines Gewissens uuter den Tisch! 

98 



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\; Der Bankier 

^telzt die Treppen zur Villa empor, bleibt vor der breiten 

Glastür stehen): 

Und schnappt die Feder dieser Falle ein — : Mit 
dem letzten Kassenschein unter den Zähnen zu verrecken 
ist dennoch Gewinn! 

Nur nicht aus der Art schlagen, Erzvater Judas! 
(Ab. Drill bläst ihm Musik einen Tusch.) 

Michael: » 

Auch die Vernichtung, Mann, ist göttlich! 

Der Seelsorger 

(Landstreicherhaft, mit dem Hiislen dem Säufers, kommt links 
aus den Büschen des Masses herau!): 

Du, mit dem frechen Maul der Ka^chcmmen, was 
tat Dir Oblate und rosa Glühen des Oplerblutes? 

Mein Konfirmationsspruch wird von den Hunden 
bepißt. Leer gähnen die Bänke, wo fromm meine borsti- 
gen Schafe saßen ... Du Drehwurm triebst sie aus . . , 
Ratten herein. Die pfeifen den Schlaf von meinen Lidern. 

Meine Knöchel kneten Schlamm! 

Michael: 

Fauchte Geziefer Dich an? Singvögel nisten in 
meinem Haar. Mein Haus schwellt über von Ordnung 
und spreitet Teppiche weich. Mache Dich in den alten 
Großväter-Sesseln breit . .. . rot glüht das Herz des 
Kamins. Ueber Deinem Haupt, aus staubigen Bücher- 
borden, neigen anbetend Christus und Buddha sich . . . 

Straf sie mit Deines heilig heimgesuchten Mundes 
steilster Empörung ..... 

Wann endlich bist Du selber Gott? 

Der Seelsorger: 

Gott ist überall Götze. Priester nur sind hochge- 
aetzt. Doch, krümmst Du Deinen Nacken als Treppe 
mir, daß ich mich heilig spreche — : Es könnte ein- 
stürzen der Steg. 



99 



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-•i^uiA-Tag:^..=;..;^.i£>^:k^ 






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Gleichviel: Kaminfeuer, Schwartenzauber und 
Pf eife-Schmauchen sind ein standesgemäßer Abgang. 

Darum spreche ich Dich frei von allem Gassra- 
schlamm! 

(Taumelt die Treppe zUr Villa empor. Drimien wird ihm «ia ' 

Tusch geblasen.) 

Michael: 

Langmütig ist Gott . . .. Schlägt aus Skorpionen 
noch dejij schnellen^ gerichtslosen Tod! 

Mann in rotem Halstuch 

(Kommt von rechts unten her . . angemästeter Bauch. Gecken- 
hafte Kleidung .... haut mit dem Spazierstöckchen dünne 
Zweige von den Sträuchern . . . bleibt vor dem Springbrunnoi 

stehen.) 

Wozu diese Verschwendung des Stromes in kalte 
Kanäle? Sozialisieren wir diesen Lotterbetrieb! Die 
Langeweile meiner Augen braucht ein Schauspiel. Ueber- 
haupt : Zur Vollendung guter Verdauung fehlt mir gerade 
noch dieser Balkon mit Schaukelstühlen und buntem 
Fensterglas. 

Grau . . . grau ist die Welt geworden .... von 
diesem zeitgemäßen Schilderhaus, will ich sie lebhafter 
färben. 

Wozu bin ich denn oben? 

Michael 

(Mehr für sich, als zu dem Mann herüber): 
Ich fühle; meine Vergangenheit fand keinen würdi- 
geren Erben 

Mann in rotem Halstuch - 

(In schnellem Herumdrehen und langsam näher kommend): 
Du schläfst Deinen Rausch am unpassendsten Ort 

aus . . . Floh die Geliebte, hol sie mit der Peitsche 

zurück! Aber verschandele mit Stöhnen und Krämpfen 

nicht diesen Lustgarten. 

Sind meine Gemächer schon gelüftet ... die Sessel 

nach der neuen Ordnung gerückt? Ich will Dir da oben 

100 






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ein Abschiedsessen geben, daß die Wände wackeln! 
Großmütigsein ist nicht meine letzte Tugend. 

Michad: 

Die Diener sind instruiert: Dich mit allen Zeremo- 
nien zu umwuchem. Deine Seele ist endlich aus ihrer 
Haut heraus — : laß sie als Wind durch die Segel 
pfeifen und brause hinab in den Atlant der Wollust ! 

Der Mann in rotem Halstuch: 

Ich tue der Welt eine Wohltat: mit diesem Spuk 
des alten Paradieses gründUch aufzuräumen! 

(Schreitet mit erhobenen Armen und einen Gassenhauer pfeifend, 
die Treppe empor. Drinnen wird ihm ein Tusch geblasen.) 

Michael: 

Die Teufel haben heimgefunden ... die Menschheit 
steht bei einem Ende und vor einem Beginn. 
Was sollte ich noch wissen? 

Sebaf&tian 

(In grauwallendem Mantel. Wie eine Erscheinung plötzlich 

vor Michael): 

Ehi hast Dich endlich ausverraten . . . Jetzt beginnen 

wir auf dem anderen Stern! 

Michael: 

Dein Blick brannte jede Stimde durch mein Gehirn! 
Jetzt will ich endlich Ich werden ! 

Sebastian : 

Wo knattern Segel ohne Kompaß durch die Irr-Flut? 

Michael: 

Ich will Dich noch mit Deiner Ur-Macht schlagen! 

Sebastian: 

Meine Energien rasen immer diu-ch Dein Blut! 

Michael: 

Wie breche ich mich ab von Dir? 



101 



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Sebastian : 

Du bist schon : I c h. Und Ich : D u. > }. . 

Michael : 

Erlöst von mir selbst — : Versöhnung brickt aal 
Schlagt weit Eure Herzen auf, Brüder! 
Mächt breit Eure Arme, Brüder! 







Sebastian : 

Mir nur blüht noch: Errettung der Hölle. , | 
Donnernd zerkrache das lange : Verflucht! v 

Unter dem farbigen Bogen, '7^ 

reiß ich die Steine zum Weinen noch hin. 'f 

Michael 

(Während die Musik in der Villa tolle Freudenakkortk 

schiiieUert): »-^ 

Rase . . . rase . . . gegen das letzte Höllen-Tcrzetll .■ 

» 

Sebastian : 

Die Finsternis wird fliehn . . . ich bin schon oben, 

wo ich zu stehen: tausend Jahre Stufen schlug. 

Ich bin schon oben . . . helle Sterne streifen 

mein schwarz/erdachtes Schläfenbein mit Schein 

von Sinai und Tabor. Und die Hirten j- 

hoch über allen Herden meines Reichs v 

lobsingen laut die Donnerworte: Frieden 

auf Erden, und den Mensciien allen Glück 

und Seligkeit und hohes Wohlgefallen! 

(Stürmt mit lliegenden Mantel-Enden wie ein riesenhafter Vogd 
die Treppen zur Villa empor. I3ie Musik bricht jäh ab. Er- 

sclirocken aufschreiende Stinuiien.) ^ 

Michael V 

(Breitet in Verzückung die Arme): ; 

Strom ... Strom . . . auferbaut von Pol zu Poi, • ? 

Strom . . . Rausch-Orkan von Ohr zu Ohr — : v 

brech ein . . . brech ein in mir! * ' i 



102 



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^^f:M-'y^ -■:^^|r *»' 



Maria Magdalena 
(Mit fliejfenden Haaren vom Strom herauf): 
Land .... Land Land! 

Michael : 

Es ist schcÄi Erlösung! 

Maria Magdalena 

(Stürzt vo»r Michael, seine Füße umklammernd, nieder): 
Alle Völker verbrüdert auf Erden! 

Michael ' 

(Reißt sie^ ihre Demut abwehrend, zu sich empor): 
Haben sie nicht den letzten Propheten erschlagen? 

Maria Magdalena: 

Der Wölfe Heulen kippte in Demut um. 

Michael : 

Sind die Kesselfeuer nicht ausgelöscht? 

Maria Magdalena: 

Neue Sonne ging auf und blies sie an I 

Michael : 

Donnern die Räder nicht leer durch die Halle? 

Maria Magdalena: 

Es drängt sich die Schar der Werkleute vor den 
Maschinen. 

Michael : 
Welcher Puls schlägt den Takt durch ihre Herzen? 

Maria Magdalena: 

Sie fassen sich bei den Händen und tönen nur eine 
Stimme — : O Erde . . . Glück . . . o strömendes 
Da-Sein ! 

Michael: 

Dann muß \ch Dich fragen : was forderst Du noch 
von mir? 



103 




'WifefefiiafeiihSfeiiffil^iifeiA^iit'i'tie^^ -Vf''^-^'i-. Infi rr ■"•'-'■• ■tr Vi ii-trimt^%Tiftt'Ti 



Mari« Magdtlena: 

Nach tausend Jahren habe ich Dich heilig Geliebter 
wieder!' 

Michael: 
Was wußtest Du, woher ich kam ... als Du mich 
riefst? 

Maria Magdalena: 
Ich wußte alles . . . und wußte nichts. 

Michael: 

Deine Hand lag rein auf meiner Wunde. 

Maria Magdalena: 

Das war mein letzter Besitz. 

Michael : 

Du bist was Du bist mir und Allen ! 

Maria Magdalena: 

Das Glück, wohlzutun, trägst Du allein! 

Michael : 

Der Atem von aller Menschen Güte schwebt über 
den Dächern schon und alles Gewesene muß sich jetzt 
(umarmt Maria Magdalena) s o zeigen ! 

Maria Magdalena: 

O Du ! Fem ist nun jedes Dunkel ... die Morgen- 
atunde bleibt! 

Michael 
(Mit stürmischer Erhobenheit) : 
Mir ist, als sei ich schon tausend Jahre mit Dir! 

Maria Magdalena 

(Selig hauchend): 
O süße Eintracht! 

Michael: 

Du Gütige! Ich bin Dir dankbaj". Du weißt es. 
Ich sagte es oft. Und tat so recht damit. Chi gabst 

104 



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mir Alles. Dem Dir einst Feindlichen' gabst Du dieses 
tinerklärbare Glück, aus seinem Glück Dein Glück ent- 
stehen zu sehn. Du warst so gut. Du schmiegtest Dich 
mit Deinem ganzen Sinnen an einen, der allen dessen, 
das Dir ist, doch garnicht würdig war .... Und nun 
bietest Du ihm noch die unberührte Seele, daß er in sie 
sich und seine Art jeüngrabe als ein imverlöschbares 
Wimder! 

Maria Magdalena: 
Ich will, Du Guter, nur mein Ungewisses. Es 
werde, was da wird, zu seinqp Ende. 

Michael: 

Es stillt meine letzten Wünsche! 

Maria Magdalena: 

Ich habe zerschlagen ... Du hast aufgebaut. Und 

beides war eüis. Dies ist unsere Verbrüderung! 
(Reicht ihm beide Hände.) 

Pause. 
(An das Ufer stößt ein Schiff mit Irtudig lärmendem Volk.) 
V '■ 

Michael: 

(Reißt Maria Magdalena verwundert zu der Erscheinung 

herum.) 

O Lichtmenge aus Nacht und Wasserstürzei ! 

Die Menge im Chor: 

Ewig ^gefoltert, 
ewig verurteilt, 
sterben wir aus. 
Doch aus den Wunden 
ewig floß Klage, 
brannte so hoch: 
! daß sich die Sterne 

dunkel umflorten, 
daß sich die Weiden 
an den Gewässern 
bogen vor Schmerz, 

105 



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06 



Steine zerbrachen ... . ' :-f ^^ 

Menschen nur ginge« "4 

fühllos vorüber, , 

krümmten sich klein, 

wo wir sie riefen ! ; • 

uns zu eriiören, 

wo wir sie würgten 

endlich zu uns 

sich zu bekennen. 

Veriassen von Göttern, 

erstickt von Betrügern, 

verraten von Brüdern, ' '^^ 

zermalmt von uns selber — : ;ä 

endlich brachen wir aus! t 

Schon wachsen uns Hände, i 

schon wachsen uns Augeit i 

und Flügel und Himmel. z^- 

Es läutet der Morgen 

nicht mehr mit Flüchen 

durch brettharte Betten; 

es stehn schon im Mittag 

mit schwarzbreiten Aestem 

die Bäume im Hcrf. 

O heilige Flöte ' 

im Dämmer der Lauben, 

o zitternde Silbe 

im Lusthauch der Munde! 



Es ist nicht mehr Hölle: 
auf Erden zu wallen. 
Es ist nicht mehr Himmel 
zerrädert zu werden . . . 
Maschinen, Fabriken 
Holzplatz und Schacht — 
wir wachen und wirken, 
versammelt erwacht: 
Welt-Schwangerschaft ! 



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^". "■ . , ■ - ".•-■'. 

">■--■'"• , 

Michael: 

"* > Gespenstischer Traum! 

■>■ 
Maria Magdalena: 

Wir wachsen glühend! 

Michael : 

Wie füge ich mich ein? 

Maria Magdalena: 

Siehst Du nicht Palmenwälter aufwärts stürmen? 
(Reißt Michael herunter zum Fluß.) 

, Michael: 

O letzter Krampf um meine Seele 
wie Eis gedreht . . . o letztes Haus, 
das ich bewohne und schon Stimmen 
umschreien: tritt heraus . . . heraus!' 
Das Heulen ist nicht auszuhalten; 
zum ersten Male taub sein 
ist Henkertat. Wohin Dämonen 
soll ich mich drehn und waschen rein? 
Ihr habt, da Ihr mich rieft, vorbeigeraten. 
. ' Weh, mein Gesicht ist kaltes Nichts. 
Ich war in bösen Mitternächten 
nie rot verglühte Seele eines Lichts, 
nie linder Wind aus Pflaumenwäldern . . . 
Nie habe ich um Euren Mund 
die Faltenrisse ganz begriffen 
und lag auch nicht als treuer Hund 
vor Eurer Schwelle als die Diebe 
einbrachen und Euch zogen aus .... 
Was tat ich Euch, daß Ihr mit Worten 
noch mordet, wo schon Degen und Pistol 
mich niederschlugen. Feuerzungen, 



O Flößer-Ruf: Hol über! Hol! 



107 



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Das Volk: 

Deine Seele hat uns losgebunden, 

Deine Hand uns wachgesungen. 

Da wir riefen, warst Du schon berufen, 

wo wir wählten : warst Du schon Erwählter ! " , 

Michael: 

Ich habe mich ganz ausgegeben schon. 
Ich Aschenrest, und Feuer: Ihr! 
Erbarmt Euch meiner! 

Maria Magdalena: 

Brüder heißen Alle sie! 

(Schreitet die Schiffstreppe empor.) 

Michael 

(Folgt, bleibt auf halber Höhe stehen.) 
Jakobsleiter . . .. Himmelsleiter .... 
Lichtidol von dem ich ausgegangen bin 
mich empor zu sühnen: 

meine letzte Schuld von schuldgekrümmter Schulter 
laß ich fallen mit dem Mühlenstein, 
daß er, noch im Fallen sie umhalsend, 
abwürgt Fluch und Rache-Schrein! 

(Erklimmt die volle Höhe des Schiffes iind wird stürmisch um- 
ringt von der Menge.) 

Die Menge im Chor: 

Ewig Bruder Unser, 

ewig Schwester Unser, 

ewig Wir! 
(In diesem Moment brennt hochgewölbt vom Flußufer zur 
Stadt herüber ein Regenbogen auf, während die Villa in Dunkel- 
heit und mit Donnern zusammenkracht. Mit langsam an- 
brechendem Licht wölbt sich auf der Stelle des Hauses ein 
Hügel mit drei nackten, schwarzen Kreuzen.) 

Michael 

(Reißt, während sich das Schiff vorwärtsbewegt, Mari» 
Magdalena an die Brust, stürmisch, sieghaft): 

Turm und Mauern mußten erst zerbersten, 

• ,Wald und Fluß und Wiesen durch die Scharten 



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des Zerfalls sich zwängen und gesehen werden 

Allerorten als ein unerhörtes Wunder .... 

Menschen mußten erst zerscherben 

und im Fallen ihre Schwere fühlen, 

ihre Mißgeburt verfluchen 

ehe sie begriffen : daß die Sonne Allen, 

daß der Jahreszeiten Wechsel Allen, 

daß die Wassermassen aller Welt uns Allen 

einverleibt als Liebe sind und Wohlgefallen! 

Doch mich reizt es : hitziger zu schüren, 

tiefer noch zu bohren, höher noch zu ernten, 

doch mich treibt es über allen Ernten 

ungeborene Sterne noch zu sichten, 

das Jahrtausend der vom Grab Zerstörten, 

der nicht angehörten Warner imd Propheten : 

Moses, Christus, Mohamed und Stern-Anbeter 

einzukerben in die Himmelsläufe 

als Triumph-Posaune, Himmelspforte . . . 

Doch mich reißt es : über aller Dinge Maß 

und Uebermaß das Flügelschlagen 

einer Menschheit rauschend aufzusteilen, 

die gewiegt von Harfenwundern später Liebe 

heilig aufglüht — : ich bin ewig da! 



Vorhang. 



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Von 

P A U L Z E C H 

erschien in unserem Verlag: 

GOLGATHA 

(Eine Beschwörung zwischen zwei Feuern) 



Neue Zeit 



Ein neues, eigenartiges Gedicht- 
buch: Das Hohelied der großen 
Weltkatastrophe. Kein Kriegsbuch, kein Revolu- 
tionsbuch, und doch eine Verquickung von beiden: 
Der Leidensweg der Menschheit. Ein Umgestal- 
ten von räumlichem und zeitlichem Erleben zu 
Außerräumlichem und Zeitlosem. Gedanklich un- 
geheuer stark aufgelockert; alle Eindrücke sind in 
neue Formen gepreßt; ein Aufwühlen bis in die 
tiefsten Tiefen greift durch diese Strophen. Neue 
Worte werden gebildet, grelle Fart>en stehn da. 
Und man spürt aus allem: hier tastet neue Sehn- 
sucht nach Erlösung. 



Walter von Holländer 



Hier windet sich die 
Symphonie zu einem 
erschreckenden und erschütternden Memento, zu 
einer alttestamentarischen Klage voll Wucht und 
Ingrimm. Wie wohl tut es, daß hier ein Denkmal 
steht, an dem die jetzt noch Stumpfen mit ver- 
hülltem Gesicht vorbeistolpem, das aber daist 
und bleiben wird in Ewigkeit. 



HOFFMANN u. CAMPE VERLAG 



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Von 

PAUL ZECH 

erschien in unserem Verlag: 

DAS GRAB DER WELT 

(Eine Erzählung) 



Otto Ernst Hesse 



Dieses Grab der Welt 
könnte man den deut- 
schen Barbusse nennen, wenn man Zechs Ori- 
ginalität damit nicht zunahe träte. Es steht künst- 
lerisch höher, ist weniger Feuilleton wie das des 
Franzosen, gibt intensivste Zusammenballung — 
kurz, ist mehr Werk eines Dichters. 



Berliner Tageblatt 



Der Dichter berichtet wie 
über die unabwendbare 
Verantwortungslosigkeit eines elementaren Ge- 
schehens imd er ist, wie kaum ein zweiter, dem 
kosmischen Geschehen vertraut. Himmel und 
Wasser, Stern und Tier, Mensch und Scholle ge- 
hören seinem Weltbild gleich innig an, imd er ent- 
hüllt sprachgewaltig ihr Sein. 



HOFFMANN u. CAMPE VERLAG 




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